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09 | 2017

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Special

Special Kreislaufwirtschaft & Recycling Industriebrachen erfolgreich revitalisieren Stillgelegte Produktionsstandorte versinken oft in einen jahrelangen Dornröschenschlaf mit ungeklärten Fragen, insbesondere zu einer möglichen Schadstoffkontamination des Bodens sowie der zurückgebliebenen Gebäude und Anlagenteile. Zwei Beispiele zeigen, dass Standortschließungen heute keine brachliegenden Flächen zur Folge haben müssen. Werden Rückbau, Sanierung und Neubebauung rechtzeitig qualifiziert geplant und ausgeführt, hat ein sich zeitnah an die Stilllegung anschließendes Flächenrecycling in Sachen Nachhaltigkeit viele Gewinner. Die Arcadis Germany GmbH aus Darmstadt unterstützt und koordiniert solche Großvorhaben. Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, den Flächenverbrauch, also die Erschließung neuer Siedlungs- und Verkehrsflächen, bis zum Jahr 2020 deutschlandweit auf 30 ha/d zu reduzieren. Der Zuwachs neuer Flächen ist zwar in den letzten fünfzehn Jahren deutlich zurückgegangen, liegt mit täglich 69 ha jedoch immer noch über dem Einsparziel. Die Kommunen haben daher ein großes Interesse an einem aktiven Flächenmanagement. Brachliegende Flächen sollen reaktiviert werden, um vor allem dem großen Bedarf an Grundstücken für den Wohnungsbau zu begegnen. Für Kommunen ergibt sich die Gelegenheit, bei der Vermarktung stillzulegender Standorte oder militärischer Konversionsflächen aktiv mitzuwirken, so dass erst gar keine Brachflächen mit ungewisser Zukunft entstehen. Bundesligastadion des 1. FC Ingolstadt auf dem ehemaligen Raffineriegelände von Bayernoil. Metamorphose eines Raffineriestandortes Für den Betreiber Bayernoil aus Vohburg an der Donau war ein solches Nachhaltigkeitsengagement mit ausschlaggebend für die wirtschaftliche Machbarkeit der Stilllegung und des Rückbaus der Raffinerie Ingolstadt. Die im Jahr 2005, drei Jahre vor Beginn der Stilllegung entwickelte Strategie sah eine schrittweise Sanierung und Baufreimachung des 108 ha großen Geländes vor. Dabei sollte der Verkauf einer Fläche die Sanierung und Baufreimachung des jeweils nächsten Flächenabschnitts finanzieren und der Rückbau auf diese Weise nahezu kostenneutral abgewickelt werden. Die Strategie ging auf, denn die Stadt Ingolstadt benötigte bis 2010 für ihren Fußballverein ein neues Fußballstadion. Das am südöstlichen Stadtrand gelegene Areal bot sich aufgrund seiner Flächengröße und verkehrstechnischen Anbindung für dieses Bauvorhaben an. Die Altlastenproblematik des anvisierten Flächenstücks, auf dem früher die Kesselwagenverladung der Raffinerieprodukte erfolgte, wurde mit Hilfe des Planungs- und Beratungsunternehmens Arcadis bewältigt. Deren Erfahrung, unter anderem bei der Rückbauplanung, Altlastenerkundung und -sanierung, Liegenschaftsentwicklung und -vermarktung sowie dem Projekt- und Behördenmanagement, ermöglichte es, innerhalb von anderthalb Jahren die erste, 20 ha große Teilfläche für den Bau des Fußballstadions baureif zu machen. Die Raffinerie lief noch, da erfolgten bereits die ersten umwelttechnischen Untersuchungen, um den Sanierungsbedarf, die effektivsten Methoden und die entstehenden Kosten einschätzen zu können. 2008 begannen der Rückbau der Anlagen und Tanks sowie die Altlastensanierung. Etwa 16 000 m3 Boden wurden abgetragen und entsorgt sowie 12 000 m3 recyceltes, unbelastetes Material aus dem Abbruch der Raffinerie unter dem Stadion eingebaut. Auch bei der Vermarktung der restlichen Flächen arbeiteten Bayernoil und die Stadt Ingolstadt eng zusammen. Beide riefen 2011 gemeinsam zum städtebaulichen Wettbewerb „European 11“ auf, um Ideen zur Nutzung und Gestaltung der frei werdenden Flächen zu entwickeln. Der Siegerentwurf diente als Grundlage für die weitere Planung. 2013 war die Sanierung einer zweiten, 9 ha großen Teilfläche abgeschlossen. Diese wurde als Gewerbegebiet an lokale Unternehmen verkauft. Die letzte und mit 75 ha größte Teilfläche wurde nach langen Gesprächen und Verhandlungen an eine neu gegründete Entwicklungsgesellschaft verkauft. Die Gründer, zu denen auch die die Stadt Ingolstadt gehört, wollen darauf einen Innovationscampus errich- Bild: Arcadis / Alex Mäußl 22 UmweltMagazin September 2017

Kreislaufwirtschaft & Recycling Special Bild: Arcadis Bild: Adam Opel AG Wichtige Refinanzierungsquelle: 140 km lange oberirdische Rohrleitungen, die nach Rückbau und Reinigung als Stahlschrott verkauft wurden. Opel-Warehouse – modernes Logistikzentrum für europaweite Ersatzteillieferungen. ten. Die Entwicklungsgesellschaft übernahm die Teilfläche unsaniert und ohne Baurecht und sorgt daher selbst für die Erarbeitung des Bebauungs- und eines darauf abgestimmten Sanierungsplans sowie für die noch notwendigen Sanierungs- und unterirdischen Rückbaumaßnahmen. Im Verlauf dieses Projekts mussten auch unkalkulierbare Rückschläge verkraftet werden. Die folgenschwere Bankenkrise kippte beispielsweise in letzter Minute den Verkauf einer ganzen Prozessanlage zur Wiederverwertung, und der volatile Weltmarkt für Stahlschrott erforderte einen optimalen Zeitpunkt des Verkaufs des 45 000 t separierten und gereinigten Rohstoffs. Auch diese Hindernisse wurden überwunden und am Ende konnten aus dem Erlös der erfolgreichen Vermarktung des gesamten Areals weitestgehend alle durch Bayernoil geleisteten Stilllegungs-, Rückbau-, Sanierungs- und Baufreimachungsmaßnahmen finanziert werden. Zudem konnten die Stadt und deren Bewohner bei dieser Liegenschaftskonversion eine positive Bilanz ziehen: Schadstoffbelastungen und potenzielle Gefahren für die Umwelt wurden nachhaltig beseitigt. Die neue multifunktionale Flächennutzung des ehemaligen Industriestandortes setzte zudem wertvolle Impulse für die wirtschaftliche und städtebauliche Neuorientierung eines Stadtgebiets, in dem nun Freizeit, Sport und Erholung einen großen Raum einnehmen. Schnell umgeswitcht Als im Jahr 2014 General Motors (GM) aus Rentabilitätsgründen das Aus der Automobilproduktion in Bochum verkündete, bot sich mit dieser schwierigen Situation ebenfalls die Möglichkeit, einen Strukturwandel für die Region in Gang zu setzen. Für das Gelände des stillgelegten Opel-Werkes II in Langendreer, dem ehemaligen Komponentenwerk, hatten GM und Opel nach der Schließung ambitionierte Pläne: den Bau des Opel-Warehouse, eine Ersatzteil-Drehscheibe für insgesamt 5 500 Händler in Europa. Und heute, nach nicht einmal zwei Jahren, ist die Umsetzung dieses Plans in vollem Gange. Doch vor dem Bau des neuen Warehouse galt es, das Werk II rückzubauen und das Gelände baureif zu machen. In Zahlen waren das 222 000 m3 Gesamtfläche, 1,8 Mio. m3 umbauter Raum, 1 5000 m Gleisanlagen und vier Infrastruktur-Rohrbrücken, die in nur elf Monaten rückzubauen waren. Das Erfolgsrezept für die Einhaltung dieses Zeitplans ist die von Beginn an enge Zusammenarbeit von Planungs- und Sanierungsspezialisten der Opel AG und dem Planungs- und Beratungsunternehmen Arcadis. Projektteams für die Bereiche Infrastruktur, Abbruch und Neubau bündelten ihr Expertenwissen und arbeiteten vor Ort zusammen. Dies verhalf zu einer effektiven Kommunikation aller Projektbeteiligten, zu kurzen Entscheidungswegen und schnellen Problemlösungen. In dieser Weise erfolgte die Analyse des stillgelegten Geländes hinsichtlich Rückbau und Sanierung, darauf aufbauend die Erstellung eines Rückbau- und Sanierungskonzeptes, die Koordination des Rückbaus des Geländes und unter Berücksichtigung wiederverwertbarer Materialien die Erarbeitung des Konzepts der Neubebauung. Auch eine bei den früheren Voruntersuchungen nicht identifizierte Belastung durch asbesthaltige Kittfugen und durch Produktionsrückstände konnten das Rückbauprojekt nicht bremsen. Durch die Strukturierung des Vorgangs in Entkernung und Sanierung mit Separation belasteter Bauteile, sowie einem selektiven Rückbau der entkernten und sanierten Gebäude und einer effektiven Arbeitsschutzkoordination konnte außerdem während des gesamten Projektes eine sehr hohe Arbeitssicherheit gewährleistet werden, so dass keine Arbeitsunfälle zu beklagen waren. Momentan werden bereits die Ersatzteile eingelagert. Etwa zwei bis drei Monate soll es dauern, bis die rund 13 Fußballfelder große Halle und das rund 126 000 m3 große Lagervolumen gefüllt sind. Dem wird sich ein Probebetrieb anschließen. Die offizielle Eröffnung und der volle Betrieb sind noch für dieses Jahres geplant. Die aufgeführten Projekte zeigen beispielhaft, welche aussichtsreichen Chancen für einen Neuanfang sich aus den Folgen des Strukturwandels ergeben können. Mit der erfolgreichen Revitalisierung stillgelegter Produktionsstandorte eröffnen sich für Kommunen wertvolle städtebauliche Entwicklungsoptionen. Ausschlaggebend für den wirtschaftlichen und nachhaltigen Erfolg von Liegenschaftskonversionen sind ein zeitnaher, sorgfältig geplanter Rückbau, eine auf die zukünftige Flächennutzung abgestimmte Altlastensanierung und die synchron dazu verlaufende Liegenschaftsentwicklung. Werden diese Prozesse professionell und flexibel gesteuert, lassen sich Erlöse generieren, mit denen die Stilllegungs-, Rückbau-, Sanierungs- und Baufreimachungskosten komplett oder zum großen Teil kompensiert werden können. Am Ende wird damit Nachhaltigkeit ganzheitlich erfüllt – ökonomisch, ökologisch, sozial – und macht somit alle Projektbeteiligten zu Gewinnern. Dr. Karl Noé, Stephan Dolata, Arcadis Germany GmbH, Darmstadt, Karl.Noe@arcadis.com, Stephan.Dolata@arcadis.com UmweltMagazin September 2017 23

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