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01-02 | 2017

Service Umweltmärkte

Service Umweltmärkte Bild: Katharina Hoyer / Pixelio Königreich Bhutan – das erste Land der Erde, das eine negative CO 2 -Emission aufweist. Vorbildliche Nachhaltigkeitspolitik im Königreich Bhutan Bhutan hat sich in seiner Verfassung dem Schutz der Umwelt und Natur verpflichtet; sämtliche Unternehmen sind dem untergeordnet. Das kleine Land ist nicht nur CO 2 -neutral, sondern wegen seines Waldes, der viel Kohlendioxid aufnimmt, sogar CO 2 -negativ. Ende letzten Jahres erhielt Premierminister S.E. Lyonchhen Tshering Tobgay, für seine vorbildliche Nachhaltigkeitspolitik sowie stellvertretend für das Königreich, das sich auf Beispiel gebende Weise in Richtung ökologischer, sozialer und politischer Zukunftsfähigkeit orientiert, den Ehrenpreis auf dem Deutschen Nachhaltigkeitstag 2016 in Düsseldorf. Bhutan, das letzte authentisch buddhistische Land im Himalaya, ist mit rund 800 000 Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 1,86 Mrd. € eines der ärmeren Länder der Welt. Den Schritt in die parlamentarische Demokratie als konstitutionelle Monarchie hat es gleichzeitig mit der Krönung des 5. Königs, S. M. Jigme Khesar Namgyel Wangchuck im Jahr 2008 vollzogen. Entwicklungskonzept Bruttosozialglück Bhutan hat in den letzten Dekaden erhebliche Entwicklungsschritte in Richtung Modernität gemacht. Wesentliche Merkmale des verantwortungsbewussten Umgangs mit dieser Dynamik sind die rapide Entwicklung von sozialer und wirtschaftlicher Infrastruktur sowie Investitionen in die eigenen gesellschaftlichen Ressourcen durch den freien Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen. Bemerkenswert sind auch der Demokratisierungsprozess und die Reformen hin zu einer konstitutionellen Monarchie. Dabei ist der politische Alltag Bhutans geprägt von dem Konzept des „Bruttosozialglücks“ (Gross National Happiness), das im Jahr 1979 vom 19-jährigen 4. König Jigme Singye Wangchuck, fünf Jahre nach seiner Krönung, erstmals formuliert wurde. Es handelt es sich dabei um eine weltweit beachtete Nachhaltigkeitsstrategie, die darauf abzielt, gerechte sozio-ökonomische Entwicklungen voranzutreiben, die natürliche Umwelt zu erhalten, Ressourcen zu schonen, die Kultur zu bewahren und zu fördern sowie gute Regierungsführung zu etablieren. Alle politischen Entscheidungen werden 52 UmweltMagazin Januar - Februar 2017

Umweltmärkte Service systematisch nach diesen Aspekten überprüft. An der politischen Spitze steht Lyonchhen Tshering Tobgay, der 2013 zum zweiten Premierminister Bhutans gewählt wurde. Er ist das Gesicht der Demokratisierung und Motor einer zukunftsfähigen Entwicklung des Landes. Tobgay führt den Staat sowohl durch Bewahrung wertvoller Errungenschaften aus den Traditionen Bhutans, als auch durch die Einbindung innovativer Ideen in allen Bereichen. So wird er zum Motor der Entwicklung Bhutans hin zu „Bruttosozialglück“. Bhutan hat mit diesem Entwicklungskonzept und der damit fest verwobenen besonderen Orientierung auf Nachhaltigkeit ein Markenzeichen gesetzt. Es hat Eingang in die Diskussion über zeitgemäße soziale und umweltpolitische Konzepte unter anderem im Bundestag und in den Vereinten Nationen gefunden. Erstes CO 2 -neutrales/-negatives Land der Welt „They“, die Bhutaner, „are the world’s most likely climate heroes“, bestätigen internationale Medien und Experten. Nachhaltigkeit in Bhutan geht weit über unsere Definition hinaus, die aus der Forstwirtschaft kommt und mehr auf den Erhalt des Status quo abzielt. Auch für den Heisenbergschüler und Quantenphysiker Hans-Peter Dürr war diese Definition viel zu statisch, zu kurz gedacht. Er verstand unter Nachhaltigkeit ein dynamisches Postulat: „Das Lebende lebendiger werden lassen.“ Genau diese aktive Gestaltung in die Zukunft findet man in Bhutan. Sie gilt nicht nur für den Umweltschutz. Sie ist aus den vier Säulen und neun Schwerpunkten des Bruttosozialglücks abgeleitet und gilt für alle diese Bereiche. Premierminister Tshering Tobgay treibt das Programm mit Elan und großem persönlichem Engagement an. Er betont, dass Bhutan nicht CO 2 -neutral, sondern wegen seines Waldes, der viel Kohlendioxid aufnimmt, sogar CO 2 -negativ sei und auch langfristig zumindest CO 2 -neutral bleiben will. Im Jahr 2013 emittierte das Land Treibhausgase mit einer Klimawirkung von 2,2 Mio. t CO 2. Ein Großteil der Emissionen kommt von den Nutztieren aus der Landwirtschaft, von der 69 % der Bevölkerung abhängig sind. Der Wald schluckte geschätzt rund 6, 3 Mio. t. Dieser Wert dürfte auch zukünftig höchstens geringfügig zurückgehen, denn das Gesetz schreibt vor, dass von jetzigen 72 % Waldfläche mindestens 60 % erhalten werden müssen. Premierminister S.E. Lyonchhen Tshering Tobgay erhielt für seine vorbildliche Nachhaltigkeitspolitik sowie stellvertretend für das Königreich, den Ehrenpreis auf dem Deutschen Nachhaltigkeitstag. Germany Trade & Invest Germany Trade & Invest (GTAI) ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Die Gesellschaft vermarktet den Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland im Ausland und informiert deutsche Unternehmen über Auslandsmärkte. Bild: Wikimedia Folgen der Klimaerwärmung und Maßnahmen dagegen Zur Klimaerwärmung hat Bhutan nichts beigetragen, leidet aber insbesondere an den Folgen des Gletscherschwundes. Damit der Klimagasaustoß in Zukunft nicht so stark ansteigt, will das Land in Zukunft komplett auf Elektroautos umsteigen. Strom wird fast ausschließlich aus Laufwasserkraft gewonnen. Ein Energie-Masterplan setzt daher auf Wasserkraft und Biomassekraftwerke, die weiter ausgebaut werden. Elektroautos werden gefördert, Papier reduziert, Bäume gepflanzt. Kostenlos sind Gesundheitswesen und Ausbildung. „Green Public Procurement“ wird hier ernst genommen. Das Land ist einer der wenigen „Diversity Hot Spots“ der Welt und kooperiert sehr erfolgreich mit dem WWF. Tourismus beschränkt man aus ökologischen Gründen. Leider wird Bhutan in der nahen Zukunft nicht die Mittel haben, um alle als zusätzlich nötig erkannten Umweltschutzmaßnahmen zu ergreifen. Der Premierminister setzt sich deshalb voll für die Initiative seines Königs „Bhutan for LIFE“ ein. Er wünscht sich ähnliche Programme in anderen Ländern. Die Philosophie des Bruttosozialglücks sollte – und könnte – auch in unserer Informations- und Industriegesellschaft die Grundlage für einen dringend gebotenen Bewusstseins- und Politikwandel sein. So könnte Nachhaltigkeit auch bei uns Erweiterung und Reform erfahren. Auszeichnung für vorbildliches nachhaltiges Engagement Der Premierminister hat kürzlich für seine vorbildliche Nachhaltigkeitspolitik sowie stellvertretend für das Königreich Bhutan, das sich auf Beispiel gebende Weise in Richtung ökologischer, sozialer und politischer Zukunftsfähigkeit orientiert, den Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2016 erhalten. In seine Regierungszeit fallen wesentliche politische Maßnahmen, die eine nachhaltige Entwicklung voranbringen: So wurden Projekte initiiert, die den Waldbestand nicht nur erhalten, sondern vergrößern: Mehr als die Hälfte der Fläche Bhutans ist Naturschutzgebiet. Jedes Jahr werden 6,3 Mio t CO 2 gebunden, das sind vier Mal mehr als das Land emittiert. Unter anderem dadurch ist Bhutan globaler Hotspot der Biodiversität: Das Land weist die höchste Artendichte der Welt auf. Der Ausbau erneuerbarer Energien wird intensiv gefördert. Dabei spielt aufgrund einer Vielzahl an schnellfließenden Flüssen die Wasserkraft eine zentrale Rolle, die sowohl für Bhutans Wirtschaft als auch für die Nachbarländer zur wichtigen Energiequelle wird. In den ländlichen Gebieten wird voranging Wind- und Solarenergie eingesetzt. Die Regierung fördert die Nutzung dieser Energieformen mit kostenlosen Zugängen, um der starken Verwertung des Energieträgers Holz entgegenzuwirken. Mithilfe der von Tobgay lancierten Initiative „Clean Bhutan Project“ soll Bhutan bis 2030 vollständig müllfrei werden, indem die Bürger für die Wiederverwertung von Ressourcen und für Recycling sensibilisiert werden. Über den „Bhutan Health Trust Fund“ erhalten sie kostenlosen Zugang zur medizinischen Grundversorgung. Bereits im Jahr 2013 hat die Bertelsmann Stiftung nach umfassender Recherche fünf Staaten benannt, die auf beispielhafte Weise und besonders erfolgreich mit nachhaltiger Politik den Wandel in ihrem Inneren gestalten. Bhutan wurde als eines dieser weltweiten Leitbilder für nachhaltige Entwicklung identifiziert. Deutscher Nachhaltigkeitstag/Redaktion UmweltMagazin, umweltmagazin@springer-vdi-verlag.de UmweltMagazin Januar - Februar 2017 53

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