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01-02 | 2019

Service Umweltmärkte

Service Umweltmärkte Finnische Unternehmen kreativ bei Abfallvermeidung und Recycling Bilder: Pixabay Finnland gehört zu den progressiven Ländern in der europäischen Abfallwirtschaft. Deutsche Unternehmen dürfen mit großem Interesse an Technologien und Kooperationen rechnen. Finnland senkte seine Deponierungsquote von Siedlungsabfällen kontinuierlich auf 3 Prozent (2016) und belegt damit im europäischen Vergleich den achten Rang. Noch zu Beginn des Jahrtausends wurden knapp 61 Prozent der Abfälle deponiert. Der starke Rückgang ist auf Investitionen von mehr als einer Milliarde Euro in der kommunalen Abfallwirtschaft zurückzuführen, vor allem in neue Müllverbrennungsanlagen, die die energetische Verwendung der Industrieabfälle auf 55 Prozent anhoben. Marktchancen Mit umfangreichen Kapazitätsausweitungen bei Verbrennungsanlagen für Siedlungsabfälle ist daher nicht zu rechnen, auch weil sich deren Aufkommen nach Einschätzung des finnischen Verbands der kommunalen Abfallentsorger (KIVO) nur gering erhöht und sich auf einem Niveau etwas unterhalb von 3 Millionen Tonnen pro Jahr stabilisieren wird. Der neue Fokus der Regierung liegt laut „National Waste Plan 2023“ nun auf einer abfallvermeidenden und recyclingstarken Abfallwirtschaft nicht nur bei Siedlungsabfällen, sondern im Besonderen auch bei biologisch abbaubarem Abfall, Elektroschrott und Bauschutt. Mit neuen Maßnahmen möchte Finnland die im europäischen Vergleich eher moderate Recyclingquote bei Siedlungsabfällen von rund 42 Prozent (2016) auf 55 Prozent bis 2030 anheben. Außerdem soll das Abfallaufkommen vom wirtschaftlichen Aufschwung entkoppelt werden. Effizienteres Recycling und neue IT-Systeme Neue Investitionen fließen bei den kommunalen Betrieben daher eher in effizientere Sortieranlagen mit hoher Automatisierung und in neue IT-Systeme. „Die meisten IT-Systeme in der Abfalllogistik und der Rechnungsstellung sind auf dem Stand der 1990er Jahre und müssen deshalb modernisiert werden“, sagt Timo Hämäläinen, Entwicklungsleiter bei KIVO. „Deutsche Unternehmen haben gute Absatzchancen, weil solche Softwarelösungen in Finnland nicht in großem Stil entwickelt werden.“ Bei KIVO haben sich mit 33 kommunalen Entsorgungsunternehmen fast alle öffentlichen Abfallbetriebe zusammengeschlossen, um die Skaleneffekte zu erhöhen. Reform des Abfallgesetzes stärkt Rolle privater Entsorger Durch die Reform des Abfallgesetzes ab Jahresbeginn 2019 sind die privaten Entsorger primär auch für Abfälle aus dem öffentlichen Sozial-, Gesundheitsund Bildungsbereich zuständig. Der Verband der privaten Entsorgungsunternehmen YTP erwartet daher sowohl zunehmende Investitionen als auch einen stärkeren Wettbewerb zwischen den Anbietern. „Der steigende Wettbewerbsdruck wird effizienzsteigernde Investitionen fördern,“ sagt Riikka Kinnunen, ehemals Expertin bei YTP und seit kurzem Geschäftsführerin des finnischen Metallschrottverbands. „Außerdem sehen wir einen hohen Investitionsbedarf bei der Sortierung von Bauschutt und Siedlungsabfällen vor der Verbrennung und bei innovativen mobilen Recyclinglösungen im ländlichen Raum.“ Nationale Schaufensterprojekte 48 UmweltMagazin Januar - Februar 2019

Umweltmärkte Service werden bis 2023 im EU-geförderten Programm „Circwaste“ mit rund 20 Partnern umgesetzt und bieten Kooperationsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen. Innovative Lösungen für Lebensmittelabfälle Regierungsziel ist außerdem, biologisch abbaubaren Siedlungsabfall besser zu verwerten, um 2030 eine Recyclingquote von 60 Prozent zu erreichen. Zum Beispiel sind Biogasanlagen geplant, die in Gebieten mit großer landwirtschaftlicher Tätigkeit und in der Nähe von Lebensmittelherstellern entstehen können. In Finnland als einzigem Land kooperiert IKEA derzeit mit dem Gasanbieter Gasum, um die Lebensmittelreste der Möbelhausrestaurants per lokaler Gasifizierungsanlage in Biogas für den Straßenverkehr umzuwandeln. In der Stadt Espoo wurde Anfang 2018 die erste Tankstelle eröffnet. Insgesamt gibt es in Finnland fünf IKEA-Filialen. Allein mit den Restaurantabfällen können 25 Gasfahrzeuge ganzjährig versorgt werden. Die Regierung will das Volumen der Lebensmittelabfälle bis 2030 halbieren. Nennenswertes Beispiel in der Vermeidung solcher Abfälle ist die von einem finnischen Start-up entwickelte App „ResQ“. Damit können Restaurants und Cafés Produkte, die sie aus dem Filialverkauf genommenen haben, zu einem deutlich reduzierten Preis verkaufen. Im Einsatz ist die App vor allem in Finnland, aber auch in Schweden und in kleinerem Umfang auch in den deutschen Städten Berlin und Duisburg. Durch die App werden laut Unternehmensangaben pro Monat mehr als 67 000 Portionen vor dem Abfall gerettet und umgerechnet 167 Tonnen CO 2 -Emissionen eingespart. Lokale Branchenstruktur Finnland verzeichnet nur wenige lokale Hersteller von entsorgungstechnischen Maschinen und Anlagen. Nennenswert sind der Refuse-Derived-Fuel- Anlagenbauer BMH Technology, der Hersteller von Abfallpressen und -behältern Europress Group Oy , der Produzent von Abfall-Halbunterflursystemen Molok sowie der Bergbau-, Abwasser- und Gasifizierungsspezialist Outotec. Auf der Fachmesse IFAT 2018 in München präsentierten sich 28 finnische Unternehmen, darunter auch ZenRobotics. Das Unternehmen bereichert Sortieranlagen um künstliche Intelligenz, die es ermöglicht, dass verschiedene Abfallarten durch maschinelles Lernen erkannt und getrennt werden. Eine Anlage baut das Unternehmen derzeit für die deutsche ALBA Gruppe im Raum Leipzig. Auch sonst sind finnische Unternehmen in der Kreislaufwirtschaft sehr innovativ und organisieren sich in Clustern, wie zum Beispiel bei Cleantech Finland und in dem großen Forschungscluster „Telaketju“ zum Textilrecycling. Finnlands Innovationsfonds Sitra veröffentlicht eine Liste der interessantesten Unternehmen in der Kreislaufwirtschaft. Geschäftspraxis Öffentliche Entsorger schreiben ihre Investitionsvorhaben in der zentralen Datenbank für öffentliche Ausschreibungen HILMA aus. Die Auftragsvergabe ist transparent. Interessierte Unternehmen können sich auch an die Deutsch-Finnische Handelskammer wenden. Üblicherweise informieren sich die kommunalen und privaten Entsorgungsunternehmen auf Auslandsmessen, zum Beispiel der Leitmesse IFAT, über neue Produkte und Technologien. Geeignete Veranstaltungen in Finnland sind die alle zwei Jahre stattfindende Messe „Infratech“ beziehungsweise „Yhdyskuntatekniikan näyttely“ oder die überregionale Abfallentsorgungstagung „Jätehuoltopäivät“, die allerdings auf Finnisch durchgeführt wird. Auch deutsche Unternehmen, die in Finnland produzieren oder dorthin exportieren, unterliegen bei diesen Produktkategorien der Herstellerverantwortung und sind für die Entsorgung folgender Produkte verantwortlich: Kfz, Reifen und Kfz-Ausrüstung, elektronische Geräte, Batterien, Papier- und Druckerzeugnisse sowie Verpackungen. Weitere Informationen, unter anderem zum Beitritt zu einer Herstellerorganisation, listet die Umweltbehörde unter www.ymparisto.fi. Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des Umsatzsteuerkontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen hierzu finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern (www. bzst.bund.de). Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU- Richtlinien. Marc Lehnfeld, GTAI Finnland, www.gtai.de Bild: Pixabay UmweltMagazin Januar - Februar 2019 49

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