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06 | 2017

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Special Thermische

Special Thermische Abfallbehandlung Energie aus Abfall stark nachgefragt Der Markt für die energetische Verwertung von Abfall wächst weiter. Derzeit konzentriert sich diese Entwicklung vorrangig auf Asien, während die Situation in Europa stagniert. In Deutschland und den europä - ischen Nachbarländern jedoch mehren sich die Anzeichen für eine Belebung des Marktes. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Untersuchung „Waste to Energy“ der ecoprog GmbH aus Köln. Die Zahl der Müllverbrennungsanlagen (MVA) wird stetig größer. In den Jahren 2015 und 2016 gingen international rund 128 neue Anlagen in Betrieb. Die Menge der zusätzlichen Behandlungskapazitäten beläuft sich auf rund 31 Mio. t/a. Diese entfallen maßgeblich auf die neuen Verbrennungsanlagen, aber auch auf die Erweiterung bestehender Einrichtungen. Weltweit waren Ende 2015 knapp 2 150 Verbrennungsanlagen in Betrieb. Diese verfügten über eine Behandlungskapazität von über 300 Mio. t/a. Mit einem durchschnittlichen Zubau der Verbrennungskapazität von rund 15 Mio. t/a bleibt der Markt für Müllverbrennungsanlagen auf einem Allzeithoch. Gleichzeitig verstärkt sich die regionale Ungleichverteilung. Der Markt in Europa In Europa gibt es derzeit rund 520 aktive Anlagen zur thermischen Abfallbehandlung, die eine Kapazität von etwa 100 Mio. t/a haben. Rund ein Viertel davon ist allein in Deutschland in Betrieb. Damit ist das Land der größte Markt in der thermischen Abfallverwertung in Europa, auch wenn in Frankreich fast 30 Anlagen mehr in Betrieb sind. Insgesamt existieren in 25 Ländern Europas Verbrennungsanlagen für Siedlungsabfälle – auf keinem anderen Kontinent gibt es derart viele Ländermärkte. Allerdings hat sich der Zubau auf dem Kontinent in den vergangenen Jahren verlangsamt. Zuletzt wurden jährlich rund 2 bis 3 Mio. t/a neu in Betrieb genommen, diese haben sich auf etwa acht bis zwölf Anlagen verteilt. Im langfristigen Vergleich ist dieses Volumen relativ groß – im Vergleich zu den Boomjahren aber ein deutlicher Rückgang. 2008 etwa gingen allein in Deutschland über 2 Mio. t/a Kapazität neu in Betrieb, in ganz Europa waren es fast fünf. Neben Deutschland wurde vor allem in Österreich, den Niederlanden und in Skandinavien zugebaut. Seitdem diese Märkte gesättigt sind, ist der Zubau in Europa schwächer. Nur der britische Markt verfügt noch über ein größeres Wachstum. Auf diesen entfiel in den vergangenen zwei Jahren mehr als die Hälfte der neu in Betrieb genommenen Kapazitäten. So wurden zum Beispiel im Jahr 2015 an den Standorten Ferrybridge, Peterborough, Plymouth, Runcorn und Shropshire über 1,5 Mio. t/a Kapazitäten neu in Betrieb genommen. Die Ursachen des Marktwachstums sind in allen Ländern Europas ähnlich und begründen sich vor allem in der Umsetzung der EU-Deponierichtlinie. Diese erschwert die Deponierung von gemischten Abfällen generell, vor allem aber zwingt sie die Mitgliedsstaaten dazu, Maßnahmen gegen die Ablagerung organischer Abfälle zu ergreifen. Die Richtlinie führte in Deutschland Mitte 2005 dazu, dass die Deponien für Siedlungsabfälle geschlossen wurden; in Großbritannien resultierten sie in einer steigenden Deponiesteuer. Obwohl der britische Markt stark ist, kann er die Sättigung der Märkte in Mitteleuropa und Skandinavien nicht kompensieren. Problematisch ist zudem, dass es derzeit keine ähnlich starken Ländermärkte gibt. Aufstrebender asiatischer Markt Im Vergleich zum aufstrebenden asiatischen Markt verliert Europa zunehmend an Boden. Der Zubau in Asien hat sich seit dem Jahr 2010 auf einem hohen Niveau stabilisiert: 2015 und 2016 wurden Behandlungskapazitäten von rund 25 Mio. t/a zugebaut, während der Zubau Die Dachfläche der neuen Kopenhagener MVA Amager Bakke soll nach Fertigstellung als Naherholungsgebiet mit künstlicher Skipiste dienen. noch 2007 weniger als 4 Mio. t/a betrug. Allein in China wurden zwischen 2011 und 2015 über 150 Verbrennungsanlagen mit einer Kapazität von mehr als 50 Mio. t/a installiert. Der asiatische Markt ist somit global gesehen wichtiger als der in Europa. Das gilt auch dann, wenn der geringere Heizwert und die niedrigeren spezifischen Investitionskosten in Fernost berücksichtigt werden. Die asiatische Marktstellung wird in den kommenden Jahren voraussichtlich stärker. Das Ende des chinesischen Baubooms ist derzeit noch nicht absehbar, da die Zielvorgaben des vergangenen Fünf- Jahres-Plans verfehlt wurden und somit weiterhin Nachholbedarf besteht. Gleichzeitig diversifiziert sich der Markt. In den vergangenen Monaten haben sich MVA-Planungen in aufstrebenden Staaten wie Indien, Indonesien, den Philippinen oder Thailand konkretisiert. Auch wenn viele dieser Projekte letztlich scheitern, führen die wenigen realisierten Vorhaben zu einem deutlichen Marktwachstum. Nur mit Verständnis für die asiatische Entwicklung, lässt sich auch der europäische Markt begreifen. Schon in den vergangenen Jahren hat das Wachstum der Unternehmen zur Übernahme von Technologieanbietern aus Europa geführt. Die überwiegende Mehrheit der europäischen Anlagenbauer befindet sich inzwischen im Besitz von Unternehmen aus Ja- Bild: Justin Hummerston 18 UmweltMagazin Juni 2017

Thermische Abfallbehandlung Special pan, Korea oder Singapur. Viele davon agieren mittlerweile global, häufig auch mit Lizenznehmern in China. Trotz dieser Strategie nimmt die Konkurrenz der chinesischen Hersteller zu. Diese drängen inzwischen auch in andere asiatische Länder sowie nach Afrika und ermöglichen dort aufgrund ihrer aggressiven Preispolitik in Gebieten MVA-Projekte, in denen diese wirtschaftlich bislang nicht möglich waren. In Europa hat sich derweil das Übernahmegeschehen von den Anlagenbauern hin zu den Betreibern verlagert – und die neuen Interessenten stammen nicht aus Japan oder Korea, sondern aus China. Zuletzt wurden in Deutschland EEW, in Polen Novago und in Spanien Urbaser akquiriert. Weitere Übernahmen finden derzeit statt. Die Motivation der Investoren ist nicht zuletzt der Wunsch nach Betriebs-Know-how, das einen Wettbewerbsvorteil auf dem zunehmend hart umkämpften chinesischen Markt bringen soll. Marktbelebung in Europa In Europa mehren sich derzeit die Anzeichen für eine Marktbelebung. Der britische Abfallmarkt produziert nach wie vor zahlreiche MVA-Projekte, aber auch in Süd- und Osteuropa hat die Projektierung zugenommen. In Italien hat die Regierung die Planung von acht neuen Anlagen beschlossen, in Frankreich mehren sich Projekte zur Verbrennung von Ersatzbrennstoffen und in Polen werden weitere MVA zur Förderung durch die EU vorbereitet. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien werden Bestandsanlagen nicht nur immer älter, sondern sind aktuell auch sehr gut ausgelastet. Durch dieses anhaltende Hoch und den zunehmenden Anstieg der Verbrennungspreise werden erstmals seit vielen Jahren wieder Erweiterung- und Modernisierungsprojekte diskutiert oder geplant, wie etwa im niederländischen Delfzijl. Noch unklar ist die Auswirkung der EU- Abfallpolitik nach dem Jahr 2020. Zu dem Entwurf des Kreislaufwirtschaftspaketes fehlt noch die Zustimmung des EU- Rates. Laut Entwurf der EU-Kommission soll etwa die Deponierung von Siedlungsabfällen bis 2030 auf 10 % sinken und die stoffliche Verwertung auf 65 % steigen. Vor allem jene Staaten, die sich bereits heute von der EU zu sehr bevormundet fühlen, wehren sich dabei gegen zu hohe Ziele. Dazu gehören etwa Polen und Ungarn. Kapazitäten der internationalen thermischen Müllverwertung. Bild: ecoprog Außerhalb Europas und Asiens entwickelt sich der MVA-Markt derzeit langsam. In Nordamerika beispielsweise geht die Zahl der Verbrennungsanlagen als Folge niedriger Energiepreise seit Jahren zurück. Wenigen Neubauprojekten steht die Schließung von ein bis zwei Altanlagen pro Jahr gegenüber. Insgesamt erwartet ecoprog in den kommenden zehn Jahren den Zubau von über 600 neuen Verbrennungsanlagen mit einer Kapazität von mehr als 170 Mio. t/a. Auf Europa entfallen davon rund 35 Mio. t/a. Da auch Kapazitäten stillgelegt werden, wird von einem Anstieg der Kapazität auf 120 Mio. t/a bis zum Jahr 2030 ausgegangen. Die Untersuchung „Waste to Energy“ wird jährlich aktualisiert. Die aktuell neunte Auflage für den Zeitraum 2016/2017 gilt als eine der weltweit umfangreichsten Marktuntersuchungen und Datensammlungen zum Thema thermische Abfallverwertung. Mark Döing, ecoprog GmbH, Köln, m.doeing@ecoprog.com UmweltMagazin Juni 2017

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