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06 | 2018

Management

Management Herausforderungen auf dem Weg zur ISO 14001:2015 Bild: Malte Kaule Die überarbeitete Version der Umweltmanagementnorm ISO 14001 wurde bereits 2015 veröffentlicht, Stichtag zur Umstellung von Zertifikaten ist der 15. September 2018. Laut ISO haben viele Unternehmen den Schritt jedoch noch vor sich. Erfahrungen aus Audits zeigen, welche Herausforderungen und Chancen auf dem Weg zum revidierten Umweltmanagementsystem (UMS) warten. Die größten Herausforderungen ergeben sich aus der „High Level Structure“ (HLS), die allen neuen ISO-Managementnormen als einheitliches Grundgerüst dient. Eine davon ist es, im Rahmen der Kontextanalyse und der Chancen- und Risikobetrachtung zu gewährleisten, dass die Erhebung vollständig ist, denn der Rahmen ist jetzt deutlich breiter gesteckt: Unter den interessierten Parteien finden sich nun neben Geschäftsführung, Mitarbeitern, Anwohnern und Behörden zum Beispiel auch NGO und Bürgerinitiativen, deren Interessen mitbetrachtet werden sollten. Auch gesellschaftliche Trends spielen zukünftig eine Rolle. Die umfassende Betrachtung zielt auf eine nachhaltige Entwicklung der Organisation in einem sich stets ändernden Umfeld ab. Eine wichtige Aufgabe ist es daher, die breite Themenpalette auf die eigene Organisation zurechtzuschneidern und festzulegen, welche Stakeholder für das UMS relevant sind. Im ersten Schritt bietet sich ein Brainstorming mit Führungskräften und Mitarbeitern aller Unternehmensbereiche an. Systematische Fragen können helfen, ein breites Lagebild zu gewinnen: · Wer sind unsere wichtigsten internen und externen Stakeholder? · Welche Erwartungen und Erfordernisse haben sie? · Welche Chancen und Risiken resultieren daraus und welche Maßnahmen sind nötig? · Welche Ansätze werden im Unternehmen schon angewendet? Viele dieser Themen wurden bisher schon bereichsspezifisch behandelt. Nun müssen sie im Gesamtkontext betrachtet, ausgewertet und gegebenenfalls gemanagt werden. Dieses finale Festlegen des Kontextes erfordert die aktive Teilnahme der obersten Leitung. Mehr Verantwortung für die oberste Leitung Die Unternehmensführung rückt mit der HLS grundsätzlich in den Fokus aller neuen ISO-Standards. Während das UMS in der Vergangenheit häufig als Instrument der mittleren Managementebene verstanden wurde, ist es jetzt obligatorisch, dass die oberste Leitung aktiv mitgestaltet. Das Gleiche gilt für das Integrieren der umweltrelevanten Prozesse in die Geschäftsabläufe. Es ist also keine Option mehr, Managementsysteme parallel zu normalen Prozessen und Routinen zu betreiben. Natürlich bedeutet das anfänglich Aufwand, bietet der Führung jedoch die Chance, mehr Transparenz zu schaffen und die Effizienz der Organisation zu steigern. Dabei hilft auch die Forderung der ISO 14001:2015 nach einer messbaren Verbesserung der Umweltleistungen: Hier gewonnene Daten und Kennzahlen können von der Leitung direkt zur Optimierung von Prozessen und Anlagen herangezogen werden. Die neue Rolle des Umweltmanagementbeauftragten (UMB) Welche Rolle spielt künftig der UMB? Die neue Norm fordert keine offizielle Benennung mehr, was die Verantwor- 36 UmweltMagazin Juni 2018

Management tung der obersten Leitung betonen soll. Obsolet werden die Beauftragten aber keineswegs: Planen, Aufrechterhalten und Entwickeln des UMS bleiben ebenso wie das Umsetzen und Kontrollieren der Maßnahmen in ihrem Aufgabenbereich. Ihre Kenntnis des Betriebs und der Normanforderungen sind unentbehrlich. Denn gerade im Vorfeld der Umstellung muss der UMB oftmals Ressourcen und Informationen einfordern, um das Umsetzen neuer Vorgaben voranzutreiben. Was sich jedoch ändert, ist das Zusammenspiel mit der Führung und deren Einbindung in die laufenden Aufgaben. Angesichts der notorischen Zeitknappheit des Top-Managements handelt es sich dabei gerade zu Beginn um eine gewaltige Aufgabe. Eine weitere Herausforderung ist es, die nötige Normkenntnis und Sensibilität bei der Geschäftsführung zu verankern. Ein ausgeprägtes Umweltmanagementbewusstsein auf allen Ebenen der Organisation vereinfacht den Zugang deutlich und ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor – rein inhaltliche Kenntnisse zur ISO 14001 ohne dieses Grundverständnis können keine nachhaltige Wirkung entfalten. Der Umstieg auf die neue Norm ist eine kollektive Leistung des gesamten Unternehmens: Bei den Beauftragten sind Courage und Kommunikationsfähigkeit gefragt, um den Prozess zielführend zu koordinieren. Lebenswegbetrachtung als neue Herausforderung Die Detailtiefe beschäftigt Organisationen auch im Bereich der Lebenswegbetrachtung. Die Norm fordert das Betrachten der Umweltauswirkungen, verursacht durch Tätigkeiten, Produkte und Dienstleistungen entlang des gesamten Lebenswegs – und damit über Unternehmensinformation Daten 2014 bis 2016. die eigentliche Lieferkette hinaus: von der Rohstoffbeschaffung über Verarbeitung, Transport und Logistik bis hin zu Lagerung und Entsorgung. In Zeiten globaler Beschaffungsprozesse ist das Abgrenzen jedoch oft problematisch, denn vielfach ist Unternehmen nicht mehr ohne Weiteres klar, was genau woher stammt. Organisationen sollten sich deshalb zunächst die Frage stellen, welches die wesentlichen Umweltaspekte innerhalb der Lebenswegbetrachtung sind und auf welche direkten oder indirekten Auswirkungen sie Einfluss nehmen können. Eine gut durchdachte Konzentration auf die Abschnitte des Lebenswegs, die von der Organisation gesteuert und beeinflusst werden können, ist hier ausreichend. Liegt beispielsweise die Transportlogistik in der Hand des Unternehmens, können Aspekte wie die Flottenstruktur, Schulungen und Routen direkt gelenkt werden. Ist der Prozess an einen Dienstleister ausgelagert, muss hingegen die Lieferantenbewertung entsprechende Schwerpunkte setzen. Die GUTcert ist eine der größten Umweltgutachterorganisationen Deutschlands und verfügt über langjährige Erfahrung beim Zertifizieren von Managementsystemen. Schwerpunkte sind neben der ISO 14001 auch die Bereiche Qualitäts-, Energie- und Informationssicherheitsmanagement. Als Partner des weltweiten AFNOR-Netzwerks ist sie im Stande, individuelle Lösungen für jeden Kontext anzubieten – vom KMU bis zum Weltkonzern. In den Seminaren der GUTcert Akademie geben Auditoren ihr Fachwissen weiter. Neben Einsteigern richten sich die Schulungen auch an fortgeschrittene Anwender, die ihre Qualifikation vertiefen und neue Praxisansätze kennenlernen wollen. Nicht nur Selbstzweck: Vorteile und Potenziale des Umstiegs Trotz aller Herausforderungen bei der Umstellung birgt die Revision der ISO 14001 erhebliches Potenzial für Organisationen. Die Neuerungen nehmen neben dem direkten und indirekten Umfeld der Organisation auch ihre Umweltauswirkungen ins Visier: Hier bietet sich die Chance, einen frischen Blick auf die eigenen Prozesse zu werfen und etwa unnötige Ressourcenverbräuche zu minimieren. Und wer verstärkt externe Interessen fokussiert, erschließt neue Vertriebs- und Entwicklungsperspektiven und kann strategische Entscheidungen in neue Bahnen lenken. Darüber hinaus erleichtert die einheitliche HLS das Kombinieren mit anderen Managementsystemen wie beispielsweise ISO 9001 oder ISO 45001, denn sie verringert den Aufwand für Systempflege und interne Auditierung. Um den Weg zur Revision erfolgreich zu gestalten, sollten UMB und, soweit nötig, die Mitglieder der obersten Leitung Gelegenheit zur Weiterbildung erhalten. Die Kompetenzsicherung wird auch zukünftig bei Audits thematisiert werden, es sollten daher systematisch Schulungen stattfinden und die entsprechenden Nachweise aufbewahrt werden. Yulia Felker & Maria Venus, GUT Certifizierungsgesellschaft für Managementsysteme mbH, Berlin, yulia.felker@gut-cert.de und maria.venus@gut-cert.de Grafik: Internationale Organisation für Normung UmweltMagazin Juni 2018 37

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