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06 | 2019

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Kreislaufwirtschaft

Kreislaufwirtschaft Gebrauchte Autoteile im Kreislauf Ein digitales Entscheidungstool soll Demontagebetrieben helfen zu erkennen, ob ein gebrauchtes Autoteil noch einmal verwendet werden sollte. Dieser Prototyp hat sich versuchsweise bewährt und soll jetzt weiterentwickelt werden. Bild: Callparts Recycling GmbH Ein Demontagebetrieb lagert ausgebaute brauchbare Teile wie Lichtmaschinen oder Anlasser. Das Entscheidungstool heißt Raupe. Dies steht für „Recycling of Automotive Units and Parts Evaluator“. Die Forschergruppe Cascade Use an der Universität Oldenburg hat es entwickelt. Es gibt erstmalig Demontagebetrieben aber auch Werkstätten und Endverbrauchern eine Entscheidungshilfe darüber, ob gebrauchte Teile weiter verwendet, repariert oder verschrottet werden sollten. Es ist damit eine Art Ersatzteilmanagement, das von Automobilherstellern unabhängig ist. Das Bundesforschungsministerium hat die Arbeitsgruppe Cascade Use über einen Zeitraum von fünf Jahren mit zirka 1,7 Mio. Euro aus Fördermitteln des FONA-Programms gefördert. Das digitale Entscheidungstool Raupe ist ein Ergebnis daraus – es wurde innerhalb eines Jahres erarbeitet. Die Firma Callparts Recycling in Ketzin hat das Projekt mit einer Datenbank zu gebrauchten Autoteilen unterstützt, wie auch die Software Firma ID Impuls und das Institut für Informatik (OFFIS) beide aus Oldenburg. Die Entwicklung von Raupe wurde mit dem Deutschen Rohstoffeffizienzpreises 2018 des Bundeswirtschaftsministeriums geehrt. Hauptzielgruppe sind Demontageund Werkstattbetriebe, von denen es in Deutschland etwa 1.200 gibt. Dies sind Das Logo des Raupe-Tools. Bild: Cascade Use/Alexandra Pehlken meist Familienbetriebe mit bis zu fünf Mitarbeitern, die durchschnittlich bis zu 500 Autos pro Jahr verwerten. Großbetriebe sind die Ausnahme. Die Webapplikation Raupe soll ihnen Transparenz über Angebot und Nachfrage auf dem Ersatzteilmarkt geben. Ein Demonteur kann dann etwa leichter entscheiden, ob er mit ausgebauten Teilen einen Erlös erwirtschaften kann. Ihnen kommt eine bedeutende Rolle in der Kreislaufwirtschaft zu, da sie wesentliche Entscheidungen über Reuse und Recycling treffen. Bei der Fahrzeugdemontage wird entschieden, ob Bauteile überhaupt demontiert werden (zusätzlich zu den gesetzlichen Vorgaben) und ob diese Bauteile und Komponenten direkt vermarktet und ggf. eingelagert werden, oder der Refabrikation zugeführt bzw. als besser sortierter Altschrott ins Materialrecycling gehen werden. Für den Demonteur zeigt Raupe zum einen auf, wie hoch die Wahrscheinlichkeit des Weiterverkaufs und zum anderen wie hoch die Zuverlässigkeit des Bauteils im zweiten oder auch dritten und vierten Lebensweg erscheint. KFZ-Werkstätten können mit dem Tool Endkunden gebrauchte Ersatzteile mit hoher Zuverlässigkeit und Garantie (in der Regel ein Jahr) anbieten. Raupe hilft zu entscheiden Der Endverbraucher selber kann gebrauchte Ersatzteile recherchieren und unter Kosten-, Zuverlässigkeits- und Umweltgesichtspunkten abwägen, ob er bei der Reparatur seines Fahrzeuges auf diese oder auf fabrikneue Ersatzteile zurückgreift. Er kann bei Bedarf gebrauchte Bauteile direkt bei seiner Werkstatt nachfragen. In der Zielgruppe können einerseits nachhaltigkeitsaffine als auch andererseits kostenbewusste Kunden über das Tool angesprochen werden. Raupe beantwortet etwa neben dem Kostenvorteil auch die Frage, ob CO 2 -Emissionen durch die Weiternutzung eingespart werden. Raupe kann auf diese Weise zum Klima- und Umweltschutz beitragen: Der internationale Dachverband der Autorecycler APRA (Automotive Parts and Remanufacturers Associations) mit Sitz in Alexandria, USA, schätzt die Energieersparnis durch Remanufacturing weltweit auf eine Höhe ein, die der elektrischen Energieproduktion von acht Kernkraftwerken entspricht. Energieund Rohstoffeinsparungen aus dem reinen „Reuse“ sind dabei noch höher einzuordnen, da kein weiterer Energieeintrag notwendig ist. Eine bisher Excel- Dateien fokussierte Branche der Autodemonteure kann nun durch ein digitales Tool wesentlich effizienter werden und trägt durch die Verlängerung der Lebensdauer und der damit verbunde- 42 UmweltMagazin Juni 2019

Kreislaufwirtschaft nen eingesparten Ressourcen zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen bei. Die ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft ist ein wichtiger Treiber von nachhaltigen Strategien der Wiederverwendung (Reuse) sowie der Weiterverwertung (Recycling). Eini Mitarbeiter von Callparts Recycling in Ketzin baut aus einem Fahrzeug den Motor aus. Mehr Erlöse durch Weiternutzung Das webbasierte Tool vergleicht eingesetzte Rohstoffe verschiedener Pkw-Ersatzteile sowie deren CO 2 -Emissionen beziehungsweise -Einsparungen bei Lebensdauerverlängerung. Es erfasst dazu einzelne Komponenten wie Lichtmaschine oder Elektromotor als auch Materialien wie Aluminium Kupfer oder Stahl. Die gesamten Daten werden durch data mining Methoden ausgewertet, durch vorliegende Ökobilanzen ergänzt und dann bewertet und verständlich visualisiert. Damit können Nutzer Rückschlüsse auf die Komponenten, deren Materialinhalte und Rohstoffpreise ziehen. Ein Beispiel: Demontagebetrieben gibt Raupe Hinweise, welche Bauteile mit wirtschaftlichen Erlösen der Wiedernutzung zugeführt werden können. Hierbei wird auch beachtet, dass Einzelteile eines Pkws einem Verschleißprozess unterliegen. Das heißt, zum Zeitpunkt der Demontage können einige Teile noch intakt sein und könnten problemlos wiederverwendet werden („Reuse“). Die Verlängerung des Lebenszyklus dieser Einzelteile eines Pkw kann zur Senkung der CO 2 -Emissionen beitragen, da die Reparatur von Fahrzeugen mit intakten Teilen oder instandgesetzten Ersatzteilen erheblich Ressourcen etwa an Stahl, Aluminium und anderen Rohstoffen einspart. So nehmen Stahl- und Eisenwerkstoffe mit knapp zwei Drittel der Masse den größten Materialanteil bei Pkw ein. Bei einem Durchschnittsgewicht eines Mittelklassewagens von 1.500 kg entspricht dies 933 kg. Der Aluminiumanteil liegt bei meist bei 140 bis 150 kg. Die aktuell steigenden Kosten der Fahrzeugherstellung sind jedoch auch auf den hohen Anteil kritischer Rohstoffe wie Kobalt, Magnesium, Platin als auch Seltene Erden wie Neodym und Dysprosium zurückzuführen. Diese Metalle werden oft in kleinen Mengen als so genannte Gewürzmetalle eingesetzt. Dem Edelmetall Gold als Konfliktmaterial, das meist in der Elektronik vorrangig auf Platinen zu finden ist, kommt dazu eine besondere Bedeutung zu, da gewaltsame Konflikte um die Gewinnung und Vermarktung der endlichen Ressource möglich sind. Werden diese Bauteile wiederverwendet, werden weniger dieser kritischen Rohstoffe aus dem Bergbau benötigt. Dies stabilisiert die Wertschöpfungskette mineralischer Rohstoffe und führt dazu, dass Rohstoffkosten stabil bleiben können, da die Abhängigkeit von Bergbauländern sinkt. Daten: Demonteure speisen ein Momentan greift Raupe vorrangig auf eine Datenbank des CallCar Netzwerkes zurück. Dies ist ein deutschlandweites Netzwerk von rund 100 Autodemontagebetrieben und -verwertern mit der Zentrale bei Callparts Recycling . In dieser Datenbank sind Informationen zu etwa zwei Millionen einzelner Autogebrauchtteile gespeichert, die im Laufe der letzten Jahre nach Demontage entweder verkauft oder eingelagert wurden. Ergänzt wird die Datenbank mit aktuellen Rohstoffpreisen, sowie der jeweils aktuellen Kritikalitätsbewertung der EU und weiteren Ergebnissen aus anderen EU Projekten. Hierbei wird bewertet, wie Bild_Callparts Reccling GmbH sicher die Versorgung und damit die Verfügbarkeit eines Rohstoffes ist. Die in der Datenbank gelisteten Ersatzteile entsprechen dem Durchschnitt der in Deutschland durch die Callparts Partner demontierten Autoteile der letzten zehn Jahre. Diese Datenbank enthält nahezu jede Automarke, die in Deutschland verwertet wird. Raupe genießt daher den Vorteil, markenunabhängig Autoteile zu erfassen und auf ihre Klima-, Umwelt- und Rohstoffbilanz bewertet zu können. Auf diese Weise wird für die Umwelt- und Klimabewertung ein „Durchschnitt über markenunabhängige Autoteile“ möglich. Der Algorithmus ist so konzipiert, dass neue Dateneingaben zu aktuellen Bauteilen zulässig sind. Raupe „lernt“ also mit der Zeit, so dass das Tool im Lauf der Nutzungsphase genauer und zuverlässiger wird. Nicht funktionale Bauteile werden nach Reklamation von dem Fachbetrieb gegen Garantie (ein Jahr) ausgetauscht. Rohstoffdaten erwünscht Wie geht es weiter? Die Forschergruppe fokussierte sich auf CO 2 Emissionen, zum Teil sind auch Rohstoffdaten eingeflossen. Diese sind aber mit großen Unsicherheiten behaftet. Der Wunsch ist, dass Hersteller ihre verwendeten Rohstoffe für jedes Teil offen legen, ansonsten müssten jedes Teil im Labor untersucht werden, was nicht zu bezahlen ist. Dann würde Raupe noch genauer werden. Die Raupe-Datenbank hat sich versuchsweise bereits in Praxistests mit Demontagebetrieben bewährt. Noch ist sie nicht im Markt erhältlich. Es braucht weitere Ökobilanzen zu mehr Autoteilen um die Klima- und Umweltbilanz zuverlässiger zu machen. Zusätzlich wird das Design wird so umgesetzt, dass eine Nutzung auch auf mobilen Endgeräten direkt in der Werkstatt einsetzbar ist, um Raupe in der Industrie breit implementieren zu können. Ein Folgeantrag unter der Führung des Informatikinstitutes OFFIS ist eingereicht. Alexandra Pehlken, Leiterin der ehemaligen Forschergruppe Cascade Use sowie Principal Scientist am OFFIS e.V, pehlken@offis.de. UmweltMagazin Juni 2019 43

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