Aufrufe
vor 2 Jahren

07-08 | 2017

Abfall Internationale

Abfall Internationale VDI-Konferenzen zur Behandlung von Abfällen In unmittelbarer Nähe zur neu errichteten Abfallverbrennungsanlage Amager Bakke fanden am 17. und 18. Mai 2017 in Kopenhagen / Dänemark die beiden internationalen VDI-Konferenzen „Energy and Materials from Waste“ und „Sewage Sludge Treatment“ statt. Dort wurden aktuelle Entwicklungen aus den Bereichen Abfall- und Klärschlammverwertung vorgestellt und diskutiert. Dr. Christoph Sager, wissenschaftlicher Mitarbeiter der VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft, nahm an den Veranstaltungen teil. Die Konferenzteilnehmer besichtigen die im Bau befindliche Verwertungsanlage Amager Bakke in Kopenhagen / Dänemark. Während die Veranstaltung „Energy and Materials from Waste“ bereits zum vierten Mal durchgeführt wurde, feierte „Sewage Sludge Treatment“ Premiere. Durch einen abgestimmten Vortragsplan wurde es den Zuhörern ermöglicht, zwischen beiden Veranstaltungen zu wechseln. Die insgesamt 185 Teilnehmer kamen aus 15 Nationen. Größte Gruppe unter den Zuhörern waren nach den Deutschen, die ungefähr 40 % der Teilnehmer ausmachten, die Niederländer. Mehr als die Hälfte aller Besucher kamen aus den Hierarchieebenen Geschäftsführung, Vorstand und Abteilungsleitung. Der fachliche Schwerpunkt der Konferenz „Energy and Materials from Waste“ lag auf der thermischen Abfallbehandlung und der Verwertung der dabei entstehenden Aschen und Schlacken. Die Frage nach dem Umgang mit Abfällen aus hochwertigen Verbundmaterialien mit hohem Heizwert stellt eine besondere Herausforderung an die Entsorger dar und wird häufig thermisch gelöst. Begonnen wurde die Veranstaltung mit einem Vortrag von Markus Gleis vom Umweltbundesamt in Dessau, der den Sevilla-Prozess, also das Setzen europäischer Standards am Beispiel des Best Available Techniques Reference Document „Waste Incineration“ erläuterte und kommentierte. Das Nord-Süd-Gefälle innerhalb Europas und teilweise auch innerhalb einzelner Nationen, das er dabei andeutete, wurde in der Gesamtschau von mehreren Vortragenden, die über die Entsorgungssituation ihrer jeweiligen Heimatländer berichteten, bestätigt. Demgegenüber hoben sowohl Edmund Fleck, Martin GmbH, München, als auch Ivan Christiaens, Keppel Seghers Belgium NV, die bedeutende Rolle Chinas für den Umweltmarkt hervor. So entstünde beispielsweise im Süden des Landes die weltgrößte Müllverbrennungsanlage. Thermische und stoffliche Nutzung von Abfällen Trotz eines gefühlten leichten Überhangs an Verbrennungsbefürwortern fand auch die stoffliche Nutzung von Abfällen ihre Anhänger bei den Vortragenden. Johan Bonnier vom belgischen Unternehmen Imog zeigte am Beispiel Flanderns das gelungene Zusammenspiel von thermischer und stofflicher Verwertung auf. Nick Anderweireldt vom ebenfalls belgischen Unternehmen Indaver N.V. stellte einen Prozess vor, der Kunststoffabfälle wieder in Grundchemikalien überführt. Hannu Lepomäki, Eera Waste Refining Oy, Finnland, schlug hingegen einen standardisierten Brennstoff aus Abfällen vor, der vielseitig eingesetzt werden könnte. Sowohl die von Jaani Silvennoinen, Valmet Technologies, ebenfalls Finnland, als auch die von Nobuhiro Tanigaki, Nippon Steel & Sumikin Engineering, Japan, vorgestellten Vergasungstechniken benötigen nach Auskunft ihrer Präsentatoren solch einen standardisierten Brennstoff nicht. Dass bei der Biogasaufbereitung zu Biomethan aus vergorenen Reststoffen die Membrantechnologie vom Randdasein immer weiter in den Mittelpunkt gerückt sei, betonte Volker Wehber, Evonik Resource Efficiency GmbH, Essen. Mittlerweile funktioniere die Mehrzahl aller Biogasaufbereitungsanlagen mit dieser Technologie. 42 UmweltMagazin Juli - August 2017

Abfall Produkte, die am Ende ihrer Lebensdauer zu neuartigen Abfällen werden, bedeuten Herausforderungen für die Entsorger, so Marco Limburg von der RWTH Aachen. Kohlenstofffasern, die mittlerweile in zahlreichen Produkten Matrix gebunden zu finden sind, sind in der Lage, die Umgebungsluft von Zerkleinerungsanlagen zu kontaminieren und Elektrofilter lahmzulegen, da sie bei begrenzter Verweilzeit in oxidierender Atmosphäre nur unzureichend zerstört werden. Auch die Etablierung von Aufbereitungstechniken kann zu neuen Problemstellungen bezüglich des Immissionsschutzes führen, wie Prof. Dr.- Ing. Rudi Karpf von dem Unternehmen ete-a, Lich, erläuterte. Brände und Deflagrationen beim Betrieb von Metallshreddern können zu vergleichsweise häufig auftretenden Emissionsspitzen führen. Sonderrolle von Klärschlamm Klärschlamm nimmt unter den Abfällen eine Sonderrolle ein. Da er die bedeutendste Phosphor-Quelle Europas ist, wurde seiner Behandlung mit Se - wage Sludge Treatment eine eigene Konferenz gewidmet. Der Kontinent verfügt nur über einen minimalen Prozentsatz der weltweiten Phosphor-Reserven. Der Großteil befindet sich in politisch eher unsicheren Gebieten. Demzufolge haben sich in den letzten Jahren sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene Zusammenschlüsse aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie weiterer Organisationen gebildet, die sich durch die Phosphor-Rückgewinnung aus Klärschlamm einem nachhaltigen und umweltverträglichen Management des Stoffes verschrieben haben. Wie generell mit dem Klärschlamm zu verfahren sei, darüber herrschte Uneinigkeit. Das Aufbringen auf Ackerflächen wurde nicht von allen Teilnehmern kategorisch abgelehnt. Professor Dr.-Ing. Peter Quicker von der RWTH Aachen, der sich als vehementer Befürworter der thermischen Klärschlammbehandlung zu erkennen gab, verwies Auftakt der zweitägigen VDI-Fachkonferenz. Bilder: Christoph Sager hingegen auf die im Schlamm enthaltenen endokrinen Disruptoren, deren hormonelle Wirkung nicht nur verantwortlich für die unausgewogene Geschlechterverteilung bei österreichischen Forellen, sondern insbesondere auch für die nachlassende Spermienanzahl und -qualität französischer Männer sein könnte. Kees Langeveld, ICL Europe, Niederlande, stellte ein Verfahren zur Wiedergewinnung von Phosphor aus Klärschlammasche vor. Jörn Franck, vom in Achim ansässigen Unternehmen Dr. Born - Dr. Ermel GmbH, zeigte anhand zweier Beispiele auf, dass die thermische Behandlung von Klärschlämmen sowohl für geringe als auch für große Massenströme nicht nur durchführbar, sondern auch wirtschaftlich ist. Wie hoch die Verbrennungstemperatur dabei sein muss, wird zurzeit von Margit Löschau, Wandschneider + Gutjahr, Hamburg, untersucht, die in Vorversuchen bei einer Temperaturabsenkung um 25 °C keine signifikanten Veränderungen der Abgaskonzentrationen feststellen konnte. Ob die Verbrennung von Klärschlämmen der einzig gangbare Weg ist, wurde von den Vortragenden in Frage gestellt, die Verfahren zur Herstellung von Biomassekarbonisaten, Produkten mit einem erhöhten Kohlenstoffanteil, vorstellten. Kevin Friedrich von der Pyreg GmbH, Dörth, bewarb diesbezüglich die Pyrolyse, während Maria Luisa Hernández Latorre, Ingelia, Valencia, die hydrothermale Karbonisierung vertrat. Ob bei der Nutzung des Klärschlamms seine Eigenschaft als Energieträger im Vordergrund steht oder seine anorganischen Inhaltsstoffe, einig waren sich alle Beteiligten aber in einem Punkt: Eine Verklappung von Klärschlämmen zum Landschaftsbau ist ökologisch nicht zu vertreten. Freizeitwert von Behandlungsanlagen Ein Nebenaspekt des Vortrags von Dr. Anne Kerr von Mott MacDonald, China, über die neu errichtete Anlage zur thermischen Klärschlammbehandlung in Hongkong war auch die Erhöhung des Freizeitwerts für die Bevölkerung. In einem architektonisch anspruchsvollen Gebäude ist neben der Aufbereitungs- und Behandlungstechnik auch ein Spa-Bereich untergebracht. Ähnlich wie bei der Abfallverbrennungsanlage Amager Bakke, die nach endgültiger Fertigstellung den Kopenhagener Bürgern eine Skipiste und eine Kletterwand bieten wird, soll so die Akzeptanz des Bauwerks bei der Bevölkerung erhöht werden. Höhepunkte beider Veranstaltungen waren lebhaft geführte Podiumsdiskussionen, die von den jeweiligen Tagungsleitern moderiert wurden. Thema bei Energy and Materials from Waste war die optimale Nutzung der bei Verbrennung entstehenden Aschen. Bei Sewage Sludge Treatment ging es um neue Methoden und Konzepte zur Behandlung und Trocknung von Klärschlamm. Die nächste Doppelveranstaltung ist für den Mai 2019 vorgesehen. Über den Sitzungsort, der sich aller Voraussicht nach im europäischen Ausland befinden wird, wird im Herbst 2018 entschieden. Dr. Christoph Sager, Verein Deutscher Ingenieure e.V., Düsseldorf, sager@vdi.de UmweltMagazin Juli - August 2017 43

Ausgabenübersicht