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07-08 | 2019

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Special Abfall,

Special Abfall, Recycling und Kreislauf Mischkunststoffe: Raus aus der Schmuddelecke Viel wird über Plastikmüll und Kreislaufwirtschaft diskutiert. Zurzeit wird längst nicht aller Plastikabfall recycelt. Über alle Kunststoffe gemittelt haben Abfallunternehmen knapp die Hälfte der mehr als 6 Mio. gesammelten Kunststoffabfällen recycelt. Es soll mehr werden. Die Gesetzgeber in Brüssel und Berlin erhöhen die Recyclingquoten. Freut das Ihren Verband? Ja. Quoten sind das Mittel der Wahl, um mehr Recycling durchzusetzen. Doch die neuen Vorgaben aus dem Verpackungsgesetz sind gar nicht so einfach erreichbar. Warum nicht? Die Recyclingquoten sind stark angehoben worden und gleichzeitig ist die Berechnungsmethode geändert worden. Die Quoten sind deshalb wohl nur zu erfüllen, wenn nur noch recyclingfähige Verpackungen auf den Markt kommen. Außerdem muss die Sammelqualität deutlich besser werden, dafür muss die Verbraucherkommunikation erheblich intensiviert werden. Außerdem müssen die Sortier- und Recyclingkapazitäten deutlich gesteigert werden. Es sind also noch erhebliche Anstrengungen erforderlich. Das ist kein Selbstläufer. Schritt für Schritt: Wie wichtig sind Sammeln und Sortieren? Beides ist sehr wichtig. Wird schlecht gesammelt oder sortiert, kann dies durch Technik beim Recyceln nur mit größtem Aufwand aufgefangen werden. Dann aber stimmt das Verhältnis von technischem Aufwand und Energiebedarf nicht mehr mit dem Ertrag überein! Würden weniger Kunststoffe in Verbraucherprodukten helfen? Nein. Für Verkaufsverpackungen werden heute nur fünf Kunststoffe eingesetzt, für diese gibt es etablierte Recyclingwege. Das Problem sind hier mehrlagige Folien, die bei Fleisch, Wurst und Käse Anwendungen finden. Die Folien bestehen aus fünf, sieben oder auch aus elf Schichten – und dies bei einer Dicke von 15 µm. Diese können nicht recycelt werden. Hier braucht es mehr Vorgaben für ein recyclingfreundliches Design von Verpackungen, kurz D4R. Soll mehr gesammelt werden? Es geht nicht in erster Linie um die Menge, sondern um die Qualität des gesammelten Abfalls. Leider stellen wir seit 2004 deutliche Verschlechterungen bei der Sammelqualität fest. Viele Maßnahmen der Kommunen sind kontraproduktiv: Etwa kleinere Restmülltonnen oder verkürzte Abfuhrrhythmen führen dazu, dass Bürger mehr Restmüll in die gelbe Tonne oder den gelben Sack werfen. Wird ihre Kritik gehört? Ja, doch: Die Dualen Systeme haben zusammen mit der Zentrale Stelle Verpackungsregister wieder Aufklärungskampagnen gestartet. Die Kommunen haben die Zeichen der Zeit leider noch nicht erkannt. Was kann jeder zu Hause tun? Braucht es mehr Abfallbehälter? Sicher nicht! Ein Behälter für Verpackungsabfall reicht. Doch die Verpackungen sollten möglichst sauber sein. Zu viele Reststoffe führen dazu, dass die Sammelgefäße irgendwann unangenehm riechen. Das deutsche Verpackungsgesetz Die Bundesregierung hat mit dem neuen Verpackungsgesetz höhere Recyclingquoten für Verkaufsverpackungen festgelegt: Bis Ende 2018 mussten mindestens 36 Prozent aller durch die Dualen Systeme gesammelten Verpackungen werkstofflich recycelt werden. Seit 2019 sind es mindestens 58,5 Prozent, von 2022 an werden es mindestens 63 Prozent sein. Thomas Probst, Chemiker, seit Sommer 2002 beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse), zuständig unter anderem für das Kunststoffrecycling. Was macht die Branche? Wir stehen vor großen Umbrüchen. Viele Recyclinganlagen werden erweitert, es werden neue Techniken eingesetzt. Weil Sortieranlagen fehlen, sortieren viele Recycler selber, damit die Qualität stimmt. Kunststoffrecycling ist ein vielversprechender Markt: So werden Recycler von kunststoffherstellenden und kunststoffverarbeitenden Unternehmen aufgekauft. Sogar Discounter steigen mit ein und bauen dabei auch das Kunststoffrecycling aus. Welche Kunststoffe lassen sich gut recyceln? Welche weniger gut? Gut zu recyceln sind Polyethen (PE), Polypropen (PP)und Polyethenterephthalat (PET). Der Trend in Verkaufsverpackungen zu diesen Kunststoffen hält an. Polystyrol und Polyvinylchlorid verlieren im Verpackungsbereich an Bedeutung. Polystyrol ist in seiner expandierten Form wichtig, um Wirtschaftsgüter zu verpacken. Stichwort Rezyklat: Wie viele wird hier hergestellt und verkauft? In 2017 wurden aus 6,15 Mio. t Kunststoffabfällen 1,76 Mio. t Rezyklat hergestellt. Ein schöner Erfolg, der sich steigern lässt. Die Rezyklate teilen sich übrigens auf in 950.000 t aus Produktions- Bild: bvse 22 UmweltMagazin Juli - August 2019

Abfall, Recycling und Kreislauf Special und Verarbeitungsabfälle sowie in 810.000 t aus Verbraucherabfällen. Was sollte geschehen, um mehr zu rezyklieren ? Steuerliche Anreize wie eine geringere Umsatzsteuer, wenn Produkte mehr als 20 Prozent Rezyklat enthalten, würden helfen als auch längere Abschreibungsfristen für entsprechende Maschinen. Auch Leuchttürme, also Vorbilder: Zum Teil gibt es die schon. PET-Flaschen enthalten heute bereits im Schnitt 29 Prozent Rezyklat. Es gibt auch Produkte vollständig aus Rezyklat: So vertreibt Frosch etwa Reinigungsmittel in Flaschen, die vollständig aus rezykliertem PET bestehen Wir könnten in den Bereichen Kosmetik, Shampoos sowie bei Putz- und Reinigungsmitteln jedoch vielmehr erreichen. Würden Quoten für den Rezyklateinsatz helfen? Ja, wenn sie realistisch sind. Wir streben eine freiwillige Zusage der kunststoffverpackenden Industrie an. Das Ziel: Bis 2030 in Kunststoffprodukten im Schnitt mindestens 20 Prozent Rezyklat zu verwenden. Das würde bedeuten, dass in Deutschland 2,5 Mio. t Rezyklate mehr eingesetzt werden. Das wäre eine Steigerung um 0,7 Mio t. Und wird diese Zusage nicht eingehalten ? Dann sollte über eine gesetzliche Quote nachgedacht werden. Voraussetzung ist jeweils, dass genügend Rezyklate in der benötigten Qualität verfügbar ist. Müssen „giftfrei“ Rezyklate sein? Sie müssen so beschaffen sein, dass sie den verschiedenen gesetzlichen Anforderungen genügen. Und das ist teils schwierig: Denn das Kunststoffrecycling befindet sich im Dreieck zwischen Abfall-, Produkt- und Chemikalienrecht. Je mehr Chemikalien die EU unter REACH als besorgniserregend einstuft, desto mehr Stoffströme werden dem Recycling entzogen. Doch ich meine, bestimmte Produkte wie Bretter, Bohlen, Pfosten, Paletten, Buhnen, Bauzaunträger müssen meines Erachtens nicht den strengsten Vorgaben von REACH entsprechen. Und die Leichtverpackungen? Hier lässt sich die giftfreie Kreislaufwirtschaft gut verwirklichen – und sie ist schon Realität. PE, PET und PP enthalten weder gefährlichen Substanzen noch umstrittene wie etwa Flammschutzhemmer oder Weichmacher. Diskutiert wird auch, spezielle Kunststoffabfälle chemisch zu recyceln. Für welche macht das Sinn? Chemisches Recycling eignet sich insbesondere für schwierige Kunststoffe wie aus dem Elektronik- und dem Fahrzeugbereich. Diese Kunststoffe sind mit Flammschutzmitteln beaufschlagt und können deshalb nicht mehr recycelt werden. Darüber hinaus gibt es für glasfaserverstärkten Kunststoffe keine Recyclingmöglichkeit. Was mich jedoch wirklich beunruhigt ist, dass für das chemische Recycling bisher vor allem gute Verpackungskunststoffe eingesetzt werden. Für diese gibt es aber etablierte Wege. Ich fürchte, dass das chemische Recycling auch auf Mischkunststoffe abzielt – und das halte ich für den falschen Weg. Warum? Wie wertvoll sind Rezyklate aus Mischkunststoffen? Mischkunststoffrecycling ist kein Recycling wilder Kunststoffmischungen. Dafür gibt es genaue Qualitätsvorgaben wie etwa für die Mindestanteile von PE und PP. PVC und PS gehören gar nicht da hinein. Produkte aus Mischkunststoffen müssen den Qualitätsvorgaben der baugleichen Teile aus Holz, Beton oder Stahl entsprechen. Braucht es Mischkunststoffe für die Einhaltung der Quoten? Ja, bisher konnten die gesetzlich vorgegebenen Quoten für Kunststoffe aus Verkaufsverpackungen nur über das Recycling von Mischkunststoffen erreicht werden. Mischkunststoffprodukte sind hochwertig! Wir haben solche Produkte für unser bvse-Gebäude in Bonn benutzt: für den Balkon. Ich erwähne auch die Flachdachbegrünung, bei der Kunststoffraster mit Moosen, Gräsern, Blumen bepflanzt sind. Diese Produkte sind jenen aus Holz, Beton und Stahl deutlich überlegen. Ich finde diese „sexy“! Ist dies nicht ein „Down-cycling“? Nein, Produkte aus Mischkunststoffen sind in der Regel sogar ein „Up-cycling“. Sie ersetzen und ergänzen baugleiche Produkte aus Holz, Beton oder Stahl. Ein Bauzaunfuß aus Mischkunststoffen ist leichter, sicherer und stabiler als ein Betonfuß. Mitgliedsfirmen nehmen diese Produkte nach Gebrauch sogar wieder zurück. Hier gibt es also einen Kreislauf. „Down-cycling“ ist ein Kampfbegriff bestimmter interessierter Kreise. Diesen diskriminierenden Ausdruck lasse ich mir nicht mehr gefallen. Doch solche Rezyklate haben keinen guten Ruf. Wie kann man dies ändern? Die Zentrale Stelle Verpackungsregister hat das Mischkunststoffrecycling bisher kaum beachtet. Wir stehen hier jetzt allerdings im Austausch. Noch schlimmer ist die Situation in der EU. Das Mischkunststoffrecycling wird aktiv diskriminiert und dessen zahlreichen Produkte sind hier weitgehend unbekannt. Aber vielleicht erweist sich ja der blaue Pflanztopf aus Mischkunststoffen des Familienbetriebs Pöppelmann als Trendsetter. Klar: Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Was erwarten Sie von der Politik? Wir müssen raus aus der Schmuddelecke. Dazu sollten sich Politik, Ministerien und Ämter positiv zum Mischkunststoffrecycling stellen. Ich erwarte hier einen Runden Tisch und weiter Aktionen. Im Übrigen ist Deutschland führend im Mischkunststoffrecycling und seinen Produkten. Häufig verkaufen sich diese Produkte im Ausland deutlich besser als in Deutschland. Das Interview führte Ralph Ahrens, Chefredakteur UmweltMagazin, rahrens@vdi-fachmedien.de UmweltMagazin Juli - August 2019 23

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