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09 | 2016

Service Umweltmärkte

Service Umweltmärkte Bild: Bildpixel / pixelio.de Das größte Ballungsgebiet für Haushaltsmüll ist der Großraum Tokio. Japan investiert in die Kreislaufwirtschaft Die Abfallwirtschaft in Japan ist zwar ausgereift, bietet aber für die Zukunft dennoch Geschäftspotenzial. Wachsende Herausforderungen lassen Nischen für neue Technologien entstehen – etwa im Bereich der Energiegewinnung. Hier könnten ausländische Unternehmen ihr Know-how gewinnbringend einsetzen, benötigen aber in der Regel einen lokalen Partner. Außerdem besteht hoher Modernisierungsbedarf bei veralteten Müllverbrennungsanlagen sowie Deponien, die sich ihren Kapazitätsgrenzen nähern. Japan investiert jährlich große Summen in die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft und die dazugehörigen Ausrüstungen und Technologien. Der „Basic Environment Act“ von 1993 bildet das Rahmengesetz für Umweltpolitik in Japan. Darunter ist mit dem „Basic Recycling Act“ auch die Etablierung einer recyclingorientierten Gesellschaft geregelt sowie mit dem „Basic Act for Establishing a Sound Material-Cycle Society“ aus dem Jahr 2000 die Schaffung effizienter Wertstoffkreisläufe. Zahlreiche untergeordnete Gesetze und Vorschriften bestehen für einzelne Produktkategorien. Kategorisierung der Abfälle und ihre Entsorgung Das japanische Umweltministerium unterscheidet zwischen „gewöhnlichem“ Müll wie Siedlungs- und Industrieabfällen. Siedlungsmüll unterteilt sich in Haushaltsmüll und hausmüllartigen gewerblichen Müll von Büros, Restaurants und Geschäften. Für den Industrieund landwirtschaftlichen Müll existieren in der japanischen Erfassung 20 Kategorien wie etwa Altöl, Schlacke, Schlämme oder Gülle. In beiden Kategorien gibt es eine Unterposition für Sondermüll wie medizinische Abfälle, Giftmüll und andere, die aber statistisch nicht gesondert erfasst wird. Die Kommunen sind dafür verantwortlich, die Siedlungsabfälle zu sammeln und zu behandeln. Die größeren Gemeinden regeln dies in Eigenregie, während kleine häufig private Unternehmen damit beauftragen. Um die Entsorgung von Industriemüll müssen sich die Verursacher selbst kümmern. Darüber hinaus haben die Hersteller die Verantwortung für die Entsorgung ihrer Erzeugnisse. Die Präfekturen steuern und kontrollieren die Behandlung von Industriemüll und vergeben beispielsweise entsprechende Lizenzen an Entsorgungseinrichtungen. Schlamm, Gülle und Bauschutt machen zusammen etwa vier Fünftel des Volumens an Industriemüll aus. Land- und Forstwirtschaft, die Bauwirtschaft sowie der Energiesektor sind die maßgeblichen Müllverursacher. Das Industriemüllaufkommen reduziert sich kontinuierlich geringfügig. Die Recyclingquote liegt seit einigen Jahren bei etwas mehr als 50 %. Die Rahmenbedingungen für die Mülltrennung in privaten Haushalten sind zwar landesweit vorgegeben, allerdings erfolgt die Umsetzung durch die lokalen Behörden. Daher können die Regeln von Bezirk zu Bezirk variieren. Die Anforderungen an die Haushalte sind dabei vor allem in den Ballungsgebieten vergleichsweise hoch. Wiederverwertbarer Müll aus Glas, Kunststoff oder Papier und anderen 56 UmweltMagazin September 2016

Umweltmärkte Service muss gereinigt und separat abgepackt sein. Weitere größere Kategorien sind brennbarer und nicht brennbarer Müll. Das größte Ballungsgebiet für Haushaltsmüll ist der Großraum Tokio. Ein Anfang 2016 entworfener Ökoplan sieht vor, dass bis zum Jahr 2030 etwa 37 % des Haushaltsmülls in der Metropole wieder verwertet werden. Im Jahr 2013 lag diese Recyclingquote noch um 13 % niedriger. Der Müll, der den Weg zur Deponie antritt, soll gegenüber der Menge von 2012 bis 2030 um ein Viertel reduziert werden. Verschiedene Initiativen zur Müllreduzierung zielen darauf ab, das Abfallaufkommen zu reduzieren. Besonders in der Kritik stehen unter anderem die sehr aufwendigen Verpackungen in den Supermärkten. In der Abfallbehandlung spielt Müllverbrennung mit Abstand die größte Rolle. Die Reduzierung des Volumens hat hohe Priorität und die Flächen für Deponien sind begrenzt. Der Trend der letzten Jahre geht dahin, dass die Anzahl der Verbrennungsanlagen sinkt, jedoch die Kapazitäten gleichzeitig leicht ausgebaut werden. Im Fiskaljahr 2014 wurden knapp 80 % der kommunalen Abfälle verbrannt. Rund 9,13 Millionen Tonnen wurden dem Recycling zugeführt. Die Recyclingquote lag bei 20,6 % und blieb gegenüber dem Vorjahr unverändert Biomasse gewinnt als Energiequelle an Bedeutung Angesichts der Rohstoffabhängigkeit Japans und der – trotz eingeschlagener Rückkehr zum Atomstrom – ambitionierten Ziele für erneuerbare Energien sind Bioabfälle für die lokale Wärme- und Energieerzeugung eine lukrative Geschäftsnische. Erneuerbare Energien sollen bis zum Jahr 2030 einen Anteil zwischen 22 und 24 % am Energiemix des Landes erreichen. Biomasse ist dabei mit 4 % angesetzt, dürfte dann also etwa 20 % der Erneuerbaren ausmachen. Entsprechend soll auch ein Fünftel der staatlichen Fördermittel für den „grünen“ Strom in Biomasse fließen. Japan produzierte 2014 etwa 2,2 Millionen Tonnen Elektromüll und lag damit weltweit hinter den USA und der Volksrepublik China auf Platz 3. Einer Erhebung des Wirtschaftsministeriums zufolge wurden im Fiskaljahr 2014 rund 3,14 Millionen Waschmaschinen und Trockner, 2,78 Millionen Kühl- und Gefrierschränke, 2,23 Millionen Air Conditioner ordnungsgemäß entsorgt. In Japan besteht hoher Modernisierungsbedarf bei veralteten Deponien. Die Hersteller von Haushaltsgeräten sind verpflichtet, sich um die Entsorgung der Produkte zu kümmern. Kleine Unternehmen, die lediglich in geringem Ausmaß fertigen oder importieren, können diese Pflicht abtreten – beispielsweise an die Association for Electric Home Appliances. Die vorgeschriebenen minimal erforderlichen Recyclingquoten – beispielsweise ab 2009: Klimageräte: 70 %, Waschmaschinen: 65 % oder Kühl- und Gefrierschränke: 60 % – werden bereits seit Jahren übertroffen. Die für den Konsumenten kostspielige Entsorgung führt bisweilen zu illegalen Praktiken, allerdings liegt diese Quote dem Vernehmen nach bei nicht mehr als 0,5 %. Die Recyclingprozesse sind in Japan noch sehr stark auf manuelle Tätigkeiten ausgerichtet. Hier dürfte sich angesichts der alternden Bevölkerung in Zukunft Potenzial für Automatisierungsprozesse ergeben. Viele Kleinunternehmen in Sachen Müll unterwegs Die Branche ist auf der Entsorgungsseite unübersichtlich. Nur wenige große Unternehmen sind im Abfallsektor zu finden. Kleinere Unternehmen agieren entweder aus privater Initiative heraus, bisweilen auch im Rahmen von Public-Private-Partnership-Vorhaben. Insgesamt sind laut der Außenhandelsfördergesellschaft Jetro mehr als 20 000 Unternehmen in dem Bereich aktiv. Davon beschäftigen 60 % weniger als zehn Mitarbeiter. Germany Trade & Invest Germany Trade & Invest (GTAI) ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Die Gesellschaft vermarktet den Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland im Ausland und informiert deutsche Unternehmen über Auslandsmärkte. Bild: pixabay Branchenverband für Industriemüll ist die „National Federation of Industrial Waste Management Associations“, die etwa 15 000 Mitgliedsunternehmen zählt. Die meisten Unternehmen sind sehr klein und haben im Regelfall lediglich eine Lizenz zum Mülltransport. Nur rund 5 % sind darüber hinaus zur Müllverbrennung berechtigt. Die Lizenzen für Transport und Behandlung von Industriemüll laufen im Regelfall über zehn Jahre. Laut Japan Environmental Facilities Manufacturing Association sind die führenden Hersteller von Ausrüstungen in Japan Hitachi Zosen, JFE Steel Corp., Takuma, Kawasaki Heavy Industries, Ebara Corp. und Mitsubishi Heavy Industries. Knapp zehn der Mitgliedsunternehmen des Verbands teilen den Markt unter sich auf. Die Verpflichtung der Kommunen, ihre Müllentsorgung selbst zu organisieren, sowie bürokratische Schwierigkeiten des Mülltransports über lokale Grenzen hinaus haben dazu geführt, dass viele Unternehmen vor Ort den Zuschlag für die Abfallbehandlung erhalten. Japan Containers and Packaging Recycling Association registrierte 2014 jeweils etwas über 50 Unternehmen in den Segmenten Glas, Papier, Kunststoffund PET-Flaschen. Beim Recycling von Metallabfällen und Schrott halten die drei Unternehmen Asahi Holdings, Hanwa Corporation sowie Mitsui Mining and Smelting zusammen über etwas mehr als 40 % der Marktanteile. Geschäftspraxis Der Einstieg für Ausländer in das vom Staat kontrollierte Marktsegment ist ohne lokalen Partner außerordentlich schwierig. Unter anderem liegt dies daran, dass ausländische Unternehmen die Anforderungen im Ausschreibungsverfahren kaum erfüllen können. Neben den regulatorischen Hürden existieren auch sprachliche Barrieren. Darüber hinaus bestehen bei der Auftragsvergabe lang gewachsene, enge Geschäftsbeziehungen. Allgemein gilt, dass der Privatsektor seine Projekte kostenbewusster steuert. Eine Möglichkeit, die bürokratischen Hürden vor Ort zu überspringen, besteht in der Lizenzvergabe an lokale Partner. Michael Sauermost, GTAI Japan, www.gtai.de/japan UmweltMagazin September 2016 57

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