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09-2019

Special Windenergie

Special Windenergie Tiefstand mit schöner Aussicht Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes der Windenergie (BWE), schaut bei allen Herausforderungen zuversichtlich nach vorn. Wie geht es aktuell der Windenergie in Deutschland? Nicht gut. 2014, 2016 und 2017 hatten wir einen Zubau von jeweils mehr als 4.000 MW jährlich. Dies Jahr waren es bis Juni weniger als 300 MW. Wir rechnen damit, dass es insgesamt noch 1.500 MW werden können – das sind aber rund 70 Prozent weniger als in den guten Jahren. Bedroht dies die Energiewende? Ist es die berühmte Ausnahme, dann nicht. Ja, die Energiewende braucht die Windkraft. Sie liefert die Hälfte des erneuerbaren Stroms. Und 2050 wird es – den meisten Szenarien zufolge – auch so sein, wenn Erneuerbare 95 Prozent des Energiebedarfs decken. Und um diese Vorgaben zu erreichen, braucht es in Deutschland jedes Jahr Windräder mit einer Leistung von zusätzlich 4.700 MW. Wird Strom dadurch teurer? Nein, eher weniger. Wind- und auch Solarparks liefern bereits heute preiswerteren Strom als etwa Kohlekraftwerke. Ich ergänze, aus der Wirtschaft steigt die Nachfrage nach erneuerbarer Energie rasant. Immer mehr Unternehmen – denken wir an BMW, Bosch, die Deutsche Bahn oder Mercedes wollen CO 2 -frei werden und fordern dies auch von ihren Zulieferern. Doch, der Ausbau stagniert. Sie forderten einen Windgipfel mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier … … und wir freuen uns, dass dieser zeitnah zustande kommen wird – vielleicht noch im September. Wir wollen besprechen, wie man die Hemmnisse ausräumen kann. Was sind diese Hemmnisse? Da sind mehrere. Es begann damit, dass die Bundesregierung 2015 die Festpreisvergütung für eingespeisten Windstrom durch ein Ausschreibungsmodell ersetzt hat. Dieses und der Fehlstart in 2017 bei dem Bieter ohne Genehmigungen die Zuschläge erhielten hat viele mittelständische Investoren aber auch Kommunen abgeschreckt. Dies war doch eine EU-Vorgabe ? So argumentierte damals die Bundesregierung. Denn die Festpreisvergütung galt als Beihilfe. Im Frühjahr hat der Europäische Gerichtshof auf Antrag Deutschlands festgestellt, dass die Festpreise keine Beihilfe gewesen waren. Sie wären also auch mit der neuen EU- Richtlinie über Erneuerbare Energien rechtskonform gewesen. Es hätte sie also weitergeben dürfen. Doch die Politik hat damals anders entschieden. Wollen Sie die Festpreisvergütung zurück? Ein Zurück zur festen Vergütung hätte Vorteile. Ich sehe in der Politik aber wenig Bereitschaft. Deshalb gilt es, die Chancen aus dem Urteil zu nutzen. Angesichts der Gefahr, die Ausbauziele zu verfehlen, muss die Politik handeln. Bürgerwindparks oder Projekte von Energiegenossenschaften könnte ohne Ausschreibungen umgesetzt werden. Welche weiteren Hemmnisse gibt es? Uns ärgert die lange Genehmigungsdauer . Bis vor drei Jahren dauerte es im Schnitt 300 Tage, bis ein Windpark genehmigt wurde. Heute sind es im Mittel 800 Tage, zweieinhalb Jahre. Manchmal dauert es auch fünf. Ein Grund ist fehlendes Personal in den zuständigen Länderbehörden, ein anderer die Verunsicherung der Genehmigungsbehörden durch ausufernde Klagen. Dr. Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE). Wer klagt? Die Fachagentur Windenergie an Land hat Anfang des Jahres veröffentlicht, dass rund zwei Drittel der Klagen von lokalen und regionalen Naturschutzverbänden stammt. Was wir nicht verstehen ist, dass in Berlin Naturschutzbundesverbände mit uns den Ausbau der Windenergie vorantreiben, aber viele vor Ort sich vehement dagegen wehren. Dieses Phänomen trifft auch die Politik: Während die Bundesregierung Windkraft will, fehlt vor Ort aus unserer Sicht zu oft die ausreichende Unterstützung. Ist Windenergie und Arten- und Naturschutz ein Widerspruch … Nein. Zum einen unterstreichen wir seit Jahren, dass es ausreichend wäre, wenn zwei Prozent der Fläche in jedem Bundesland für die Windenergie zur Verfügung stehen – es gibt also ausreichend Platz. Zum anderen hat trotz des Ausbaus der Windenergie in den letzten 20 Jahren etwa die Population von Rotmilan oder Seeadler zugenommen. Es gibt mehr solcher Beispiele. Für die Windbranche bleibt der Natur- und Artenschutz unerlässlich. Populationsstützenden Maßnahmen im Rahmen von Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen stehen wir daher offen gegenüber. Allerdings sind die Genehmigungsprozesse durch die vermeintliche Unvereinbarkeit mit den gesetzlichen Vorgaben zum Artenschutz erschwert. Hier muss sich etwas ändern. Was zum Beispiel? Das Bundesnaturschutzgesetz kennt ein Tötungsverbot. Dies ist bei Windenergieanlagen, Freileitungen, Masten, Schrägseilbrücken oder großen Glasflächen zu bewerten. Im Verfahren wird geprüft , ob ein signifikant erhöhtes Risiko besteht. „Signifikant“ ist aber nicht näher definiert. Oft wird es so interpre- Bild: BWE 14 UmweltMagazin September 2019

Windenergie Special tiert, dass kein Tier einer geschützten Art gefährdet werden kann. Doch auch der Klimawandel verändert Lebensräume und bedroht Arten. Wir glauben daher, dass der Ausbau notwendig ist, um Klimaänderungen begrenzt zu halten – das ist Naturschutz pur. Es braucht eine ehrlichere Abwägung zwischen Naturund Klimaschutzinteressen. Was schlagen Sie vor? Einen Kompromiss: Wir wollen, dass die Population geschützter Arten in den Mittelpunkt gerückt wird – und jedes einzelne Tier. Das heißt, wenn durch einen Windpark vielleicht zwar ein Risiko besteht, dass ein Rotmilanpärchen nicht mehr brütet, aber der Gesamtbestand stabil ist, sollte dies kein Hindernisgrund sein. Hinter den Klagen steht ja auch mangelnde Akzeptanz vor Ort vor den „Spargeln“! Nochmal: Würden zwei Prozent der Fläche genutzt , bleiben 98 Prozent frei. Da kann von Verspargeln keine Rede sein. Trotzdem arbeiten wir an der Zustimmung und Akzeptenz vor Ort. Mit der EEG-Novelle 2018 haben SPD und CDU/CSU die Arbeitsgruppe Akzeptanz ins Leben gerufen. Wir haben unsere Ideen eingebracht. Eine ist, Kommunen anders als bisher verlässlich an den Windparks zu beteiligen: Sie sollen zwei Prozent des Umsatzes erhalten – statt wie bisher die Gewerbesteuer vom Gewinn einbeziehen. Wie reagieren Kommunen ? Generell positiv. Die Umsatzbeteiligung würde Kommunen einen sicheren Ertrag bringen. Reicht dies, die Akzeptanz bei Bürgern zu erhöhen? Nein, dies ist ein kleiner Baustein. Akzeptanz heißt für uns auch Beteiligung und Teilhabe: durch frühe Information, durch echte wirtschaftliche Beteiligung und verbilligten Strombezug vor Ort. Und kleine bürgerschaftlich organisierte Projekte sollten aus dem Ausschreibungskorsett befreit werden. Am Ende geht es immer um Wertschöpfung. Hier muss die Bundesregierung noch mehr gesetzliche Wege öffnen. Reichen eigentlich zwei Prozent Fläche pro Bundesland aus? Das ist ein gutes Maß. Diese Zahl sollte nicht über allen Dingen stehen. Stadtstaaten stehen vor anderen Herausforderungen als Flächenländer. Norddeutschland ist anders zu betrachten als Mittelgebirgslagen. Allerdings sollte klar definiert werden, dass sich jedes Bundesland mindestens in dieser Größenordnung für die Nutzung der Windenergie öffnen muss. Wir haben hier eine gemeinsame Aufgabe. Ein anderes Thema: Wie groß sind die Netzengpässen? Der schleppende Netzausbau ist ein Problem. Wir sehen hier aber auch eine differenzierte Situation. Während in Ostdeutschland 50Hertz und regionale Netzbetreiber eine gute Arbeit machten, in Schleswig-Holstein der Netzausbau dank guter Begleitung der Prozesse durch die Landesregierung vor dem Abschluss steht, klemmt es in Richtung Süden. Die Windbranche hat daher noch einmal deutlich gemacht, dass zur Überbrückung auch das Bestandsnetz besser genutzt und dadurch kurzfristig nachhaltig mehr Strom transportiert werden kann. Warum hapert es mit dem Trassenausbau in den Süden? Da ist wieder der Punkt Akzeptanz. Und die Politik hat geschlafen. Wir hatten den Ausbau 2005 gefordert. Dann ist lange Zeit nichts geschehen. Danach gab es eine quälende Debatte zur Frage Oberleitung oder Erdverkabelung. Jetzt geht es aber los und wir hoffen, bis 2025 den wesentlichen Teil des Ausbaus erledigt zu haben. Schleswig-Holstein ist im Übrigen vorbildlich: Spätestens Ende 2020 wird der Netzausbau abgeschlossen ein. Und es geht nicht nur um neue Trassen. Was meinen Sie? Oft lässt sich das Netz noch optimieren: etwa durch ein gutes Temperaturmonitoring der Leitungen oder auch den Austausch gegen leistungsfähigere Leitungen. Ein andere Möglichkeit ist, vor Ort Abnehmer etwa im Gewerbe oder der Industrie suchen. Mit Windstrom lässt sich ja auch eine Elektrolyse betreiben, also Wasser aufspalten und den Wasserstoff als Rohstoff für erneuerbaren Kraftstoff oder Chemierohstoff nutzen. Wie wichtig ist das Auslaufen der EEG-Förderung für Anlagen? Leider sehr wichtig. Allein von 2021 bis 2024 werden Windkraftanlagen mit einer Kapazität von 16.000 MW schrittweise keine EEG-Förderung mehr erhalten. Deren Betrieb ist unrentabel, wenn der Erlös unter 4 Cent pro kWh bleibt. Das betrifft einzelne Betreiber, auch die Energiewende? Ja, leider. Wie erwähnt, brauchen wir einen Zubau von 4.700 MW jährlich zur Erreichung der Ziele der Bundesregierung. Dies ist inzwischen auch unbestritten. Dabei ist der mögliche Rückbau nicht berücksichtigt. Das heißt, werden mehr und mehr alte Anlagen stillgelegt, müssen als Ausgleich zusätzlich neue errichtet werden, um die Klimaziele 2050 zu erreichen. Was schlagen Sie vor? Wir wollen auf dem Windgipfel mit Minister Peter Altmaier diskutieren, den Windrädern, die nach 20 Jahren keine EEG-Umlage mehr erhalten, eine Erlös als CO 2 -freie Energie zu geben – damit dieser grüne Strom wettbewerbsfähig bleibt. Es geht darum die CO 2 -Freiheit der Stromerzeugung anzuerkennen. Kann diese Idee mit höheren Kosten akzeptiert werden? Kosten steigen, wenn Kapazitäten ungeordnet vom Markt gehen und deshalb Engpässe entstehen. Der Ausbau der preiswerten heimischen Energieformen wie Wind und Fotovoltaik muss deutlich vorangehen. Und nochmal: Dafür braucht es eine durchgehend positive Kommunikation der Politik und eine Beteiligung von Kommunen und Bürger an der Wertschöpfung. Dafür werben wir. Das Interview führte Ralph Ahrens, Chefredakteur des UmweltMagazin, rahrens@vdi-fachmedien.de UmweltMagazin September 2019 15

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