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09-2019

Special Windenergie

Special Windenergie Windbranche klar zur Wende Arne Petersen, Geschäftsführer der Messe Husum & Congress GmbH, stellt sich dem Interview. Was erwarten Sie von der diesjährigen Windmesse in Husum? Ich erhoffe mir eine Aufbruchsstimmung für die Windkraftbranche hier in Deutschland – wohlwissend um die aktuell schwierigen Rahmenbedingungen. Stichworte sind der Genehmigungsstau und auch die fehlende Akzeptanz für Windparks und Trassen. Worauf stützt sich ihre Erwartung? Klimaschutz und CO 2 -Reduktion haben derzeit dank der jungen Generation, die Handlungsdruck auf die Straße bringt, eine starke Öffentlichkeit. Die Relevanz der Themen bei den Wählern belegt das ebenfalls. Der Bedarf nach erneuerbaren Energien wächst ständig, Windenergie bleibt die wichtigste Säule für die Energiewende. Der Markt kommt wieder, die Branche ist klar zur Wende, sobald der Knoten platzt. Welchen Haupttrend sehen Sie ? Bislang ging es meist um Windkraftanlagen, deren Finanzierung, Herstellung, Betrieb und Wartung. Die Branche denkt jetzt weiter: Sektorkopplung, Vernetzung sämtlicher Energiebereiche, wird zunehmend Realität. Windunternehmen agieren nicht mehr nur innerhalb einer Sparte, sondern stellen sich integrierter auf. Beispiel Power-to-X. Wie weit ist das in Schleswig-Holstein? Das Thema bietet erneuerbaren Energieregionen enorme Potenziale. Besonders die Produktion und Systemintegration von grünem Wasserstoff wird hier oben im Norden ambitioniert vorangetrieben. Das ist etwa GP Joules intelligenter Stromspeicher „Stromlückenfüller“: ein dezentrales Kombikraftwerk in Form einer Biogas-Anlage, die um eine Elektrolyseeinheit erweitert wird. Stromüberschüsse aus naher Solar- und Windkraft sollen dank dieser mit einem Wirkungsgrad von 75 Prozent via Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt, der in Tanks gespeichert wird und somit jederzeit verfügbar ist. Das restlichen Viertel an Abwärme wird im Wärmekonzept der Biogasanlage genutzt. Spiegelt sich das Thema Powerto-X auf der Messe wieder? Es ist eines der drei Sonderthemen der Messe. Es gibt Aussteller und Vorträge im Kongressprogramm dazu, beispielsweise von der energieintensiven Stahlindustrie. Und der Verband watt2.0 veranstaltet im Rahmen seines Branchenforums einen H 2 -Thementag. Weitere Sonderthemen sind Digitalisierung und Post-EEG, was für verschiedene Nutzungskonzepte für Windkraftanlagen jenseits staatlicher Förderung steht. Dazu wird es erstmalig eine themenspezifische Sonderfläche geben. Sind neue Formen der Direktvermarktung wie Stromkaufvereinbarungen, „Power Purchase Agreements“, ein Thema? PPAs sind für alte Anlagen interessant. Bei tausenden Windkraftanlagen läuft bald die garantierte EEG-Einspeisevergütung aus. Langfristige Stromlieferverträge stellen hier eine attraktive Investmentstrategie dar. Das erste PPA in Deutschland haben letztes Jahr der nordfriesische Bürgerwindpark Ellhöft und Greenpeace Energy erfolgreich abgeschlossen. Weitere Möglichkeiten sind Repowering, die Wiedererrichtung an einem anderen Standort, und das Recycling von Altanlagen. Fachmesse HusumWind Die Messe findet alle zwei Jahre im September statt und wechselt sich mit der Hamburg WindEnergy ab. Die Husum Wind 2019 erwartet vom 10. bis 13. September rund 18.000 Fachbesucher aus dem In- und Ausland. Es gibt rund 600 Aussteller, 83 Prozent davon kommen aus Deutschland, 17 Prozent aus dem Ausland. Arne Petersen, Geschäftsführer der Messe Husum & Congress. Was ist Ihnen noch wichtig? Innovation ist der Schlüssel. Wichtig ist mir in dem Zusammenhang der Innovation Day, den wir gänzlich neu eingeführt haben, um der Branche ihre Themen auch mal aus anderen Perspektiven zu zeigen. Eine in Berlin ansässige Zukunftsagentur für Material und Technologie kuratiert das Programm. Fachbesucher und Aussteller können sich über innovative Materialtechniken und neue Entwicklungen, besonders mit Blick auf den rentablen Weiterbetrieb von Windkraftanlagen, informieren. Sie blicken gespannt auf diese Messe. Viele reden vom Ende der Messen. Sehen Sie das auch so? Nein. Klar ist, in der heutigen digitalisierten, mobilen Welt braucht es Messen vielleicht weniger, um sich über Produkte zu informieren. Aber um Produkte und Technologien erlebbar zu machen. Und Geschäfte werden nicht zuletzt immer noch zwischen Menschen abgeschlossen. Und wer eine Messe besucht, trifft viele der für ihn wichtigen Menschen an einem Ort. Die entscheidende Währung ist immer noch der persönliche Kontakt. Seit 30 Jahren begleitet die HUSUM Wind die Windbranche –gewachsene Netzwerke, Pioniergeist und Praxisnähe machen die Messe aus. Das Interview führte Ralph H. Ahrens, Chefredakteur des UmweltMagazins, rahrens@vdi-fachmedien.de Bild: Messe Husum & Congress 20 UmweltMagazin September 2019

Windenergie Special Elektrostahlwerk such Offshore-Windkraft Im Lichtbogenofen des Hamburger Elektrostahlwerks soll - neben Stahlschrott - künftig auch Roheisen, das mit grünen Wasserstoff aus Eisenerz reduziert wurde, in Stahl umgewandelt werden. Die Stahlherstellung ist energieintensiv. Um die CO 2 -Emissionen dabei zu senken, arbeiten große Stahlhersteller daran, neue Fertigungstechniken zu entwickeln, um ihren Beitrag für die Erreichung der deutschen Klimaschutzziele zu leisten. Die Stahlhersteller in Deutschland konnten den CO 2 -Ausstoß in der Stahlherstellung zwischen 1990 und 2014 um 19 Prozent senken – vor allem durch Anwendung energieeffizienterer Prozesse. Der Einsatz erneuerbarer Energien eröffnet sogar die Möglichkeit, diesen nahezu gegen Null laufen zu lassen. Ein Unternehmen, das diesen Weg beschreitet, ist ArcelorMittal. Der weltgrößte Stahlproduzent will im Jahr 2050 in Europa klimaneutralen Stahl herstellen. Statt wohlklingender Worte setzt das Unternehmen auf Fortschritt: Der Konzern unterhält elf Forschungszentren für die Entwicklung effizienterer Prozesse, Produkte und Verfahren. Dieses Jahr hat ArcelorMittal seinen ersten Klimaschutzbericht veröffentlicht. Er zeigt Projekte und Wege auf, wie die Reduktionsziele des Pariser Klimaübereinkommens von Dezember 2015 erreicht werden sollen: etwa durch die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, den Einsatz von Biokohle und Wasserstoff (H 2 ), die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung oder auch die Herstellung von Produkten wie Bioethanol aus CO 2 . Der Stahlhersteller entwickelt dazu eine Strategie, die neben Erzeugungstechnologien mit geringsten Emissionen ebenso auf regulatorische Anpassungen hinweist, um auch künftig eine wettbewerbsfähige Stahlproduktion in der EU zu ermöglichen. Bei der Entwicklung zukunftsweisender Technologien kommt dem Elektrostahlwerk im Hamburger Hafen, in dem Qualitätswalzdraht hergestellt wird, eine Vorreiterrolle zu. Dort arbeiten Prozessingenieure bereits an der CO 2 -neutralen Produktion. ArcelorMittal will dort die Stahlproduktion mit Wasserstoff (H 2 ) testen. Die Vision: Eine nahezu Null-Emissionen-Stahlproduktion mit grünem Wasserstoff, hergestellt mit Strom aus erneuerbaren Energien. Eisen reduzieren ohne Koks Das Hamburger Werk bietet hierfür gute Voraussetzungen: Denn das Eisen als Rohstoff für den Stahl wird dort bereits mit einer Direktreduktionsanlage, kurz DRI-Anlage, hergestellt. DRI steht für „Direct Reduced Iron“. Der Clou: Das Eisenoxid (Fe 2 O 3 ) im Erz wird nicht mit Koks wie im Hochofen zu Eisen (Fe) reduziert, sondern mit Hilfe zweier Gase: mit Kohlenmonoxid (CO) und Wasserstoff (H 2 ) hergestellt aus Methan (CH 4 ). Das Hamburger Stahlwerk ist Arcelor- Mittals einziges Werk in der EU, das mit dem DRI-Verfahren arbeitet. Andere Elektrostahlwerke mit DRI-Anlagen be- UmweltMagazin September 2019 21

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