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09-2019

Service Umweltmärkte

Service Umweltmärkte Kochenergie ohne Entwicklungshilfe! Eine Sackbiogasanlage in Rwanda. Der Kunststoffsack fasst bis zu 4.5 m³ Biogas. Das sich gebildete Gas wird in Kunststoffrucksäcken transportiert. Kochen mit Biogas ersetzt erfolgreich Brennholz in sich entwickelnden Ländern. Die Idee, entwickelt an der Universität Hohenheim, schont das Klima, schützt den Wald, und bietet Menschen Chancen und Einkommensquellen. Kochen in Afrika ist teuer! Familien südlich der Sahara müssen bis zur Hälfte ihres Einkommens für Energie ausgeben. Dabei kochen rund 80 Prozent der Menschen in Subsahara Afrika traditionell mit Brennstoffen wie Holz oder Holzkohle auf mehr oder weniger offenen Feuern wie seit tausenden von Jahren. Dies macht, weil die Bevölkerung stark wächst, einen großen Anteil an den globalen Treibhausgasemissionen aus, so die Internationale Energieagentur, und kostet jährlich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation etwa vier Million Menschen wegen der starken Rauchbelastung beim Kochen in geschlossenen Räumen das Leben. So führt das Kochen zu hohem Ressourcenverbrauch, der die Entwaldung vorantreibt. In Äthiopien sind noch drei Prozent der Fläche mit Wald bedeckt, in Kenia etwa vier Prozent. Fehlt Holz, wird verbrannt, was noch brennbar ist: Laub, Erntereste, getrockneter Tierdung. Übrig bleibt Asche, die Mineralien, aber nicht die für die Felder benötigte organische Substanz zum Erhalt der Fruchtbarkeit der Böden. Die Folgen sind fallende Erträge, Erosion und Armut. Dieser Teufelskreis kann mit neuen Kochenergien oder Aufforstungsprogrammen durchbrochen werden. Es wird versucht zu helfen. Verbesserte Kochherde, Impoved Cook Stoves (ICS), werden verteilt oder nationale Biogasprogramme initiiert, in denen sich Haushalte für subventionierte Biogasanlage qualifizieren können. Vernachlässigt wird aber fast durchweg der Aufbau langfristig wirtschaftlich tragfähiger Strukturen, die ohne Hilfsgelder auskommen. Stattdessen werden immer neue Projekte zeitlich und finanziell begrenzt umgesetzt, die scheitern und enttäuschte Menschen zurücklassen und die Abhängigkeiten von ausländischen Geldern immer wei- Bild: (B)Energy ter ausbauen. Allein in Äthiopien wurden in den letzten zehn Jahren mehr als 25.000 Haushaltsbiogasanlagen gebaut mit mehr als 80 Mio. Euro aus der EU. Ein großer Prozentsatz der Anlagen funktioniert allerdings nicht einwandfrei oder gar nicht. Die Hauptgründe für das Scheitern sind fehlende Wirtschaftlichkeit sowie schlechter bis gar kein Kundenservice. Das hat den Ruf von Biogas beschädigt. Diese für Klima und Menschen so wichtige Technologie wird nun mit „teuer“ und „funktioniert nicht“ verbunden . Um das zu ändern, bedarf es eines grundsätzlichen Umdenkens der Hilfsindustrie: Biogas muss wirtschaftlich werden, also verkäuflich und so die Kaufkraft der Kunden für das Produkt selbst zu erschaffen. Aus dieser Annahme heraus entstand 2010 der Biogasrucksack am Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim. Das ist ein großer, stabiler Kunststoffsack, um Biogas speichern und transportieren zu können. Es war die Universität in Addis Abeba, Äthiopien, die diese Lösung aufgriff, die Erfinderin 2011 das erste Mal ins Land brachte und die Technik in Pilotprojekten im eigenen Land umsetzte. Nach mehreren Jahren gemeinsamer Forschung, Entwicklung und Pilotierung war klar: für Biogas in Rucksäcken gibt es einen Markt und die Argumente der neuen Biogasnutzer waren überzeugend. Sie schätzten, dass Biogas billiger war. Doch die meist weiblichen Kunden waren besonders von der schnell verfügbaren Hitze im Vergleich zum Kohlenfeuer und von der sauberen Verbrennung ohne Rauch begeistert. Dieser Komfort überzeugte: Die Frauen konnten morgens länger schlafen, hatten weniger Gesundheitsprobleme und das Leben wurde einfacher. Das war der Startschuss für die Gründung von (B)energy in Deutschland. In den Jahren 2014 bis 2017 konzentrierte sich das Unternehmen darauf, in Äthiopien das erste Franchiseunternehmen eines lokalen Partners mit aufzubauen. Neben dem Biogasrucksack wurden Biogasanlage, Biogaskocher und eine spezielle Backplatte für das äthiopische Grundnahrungsmittel Injera in der eigenen Produktionsstätte in Addis Abeba hergestellt und zusammen mit dorti- 56 UmweltMagazin September 2019

Umweltmärkte Service gen Partnern auf den Markt gebracht. Währenddessen wurden Interessenten aus vielen anderen Ländern geschult, um Franchisenehmer zu werden und das Model eins-zu-eins in ihren Ländern umzusetzen. Dass dies nicht ausreicht, wurde klar, als der äthiopische Partner 2016 aufgrund der schwierigen Geschäftslage aufgab. Mitte 2017 begann (B)energy deshalb an einem Komplettpaket mit drei Neuentwicklungen zu arbeiten: einem eigenen Biogasbrenner, einer App und einem geänderten Geschäftsmodell. Dieses Paket ist ab jetzt für Geschäftspartner auf der ganzen Welt verfügbar und setzt sich aus drei Teilen zusammen: der Technik, dem Geschäftsmodell für den Kunden und der geteilten Verantwortung. Anlage, Rucksack und Kocher Der technische Teil besteht aus einer Sackbiogasanlage, einem Biogasrucksack und einem Biogaskocher. (B)Plant ist ein 1.5 bis 4.5 m3 fassender mehrlagiger Kunststoffsack aus Polyethylen-Folie und Polypropylen-Gewebe, der an ein Fütterungsrohr mit Tonne und ein Überlaufrohr für den Gärrest sowie eine Gasleitung angeschlossen wird und zur Temperaturerhöhung in einem einfachen Foliengewächshaus liegt. Das Gas wird aus organischen Abfällen und Tierdung durch anaeroben, mikrobiellen Abbau bei Temperaturen über 20 °C produziert und fließt über eine einfache Kunststoffleitung zum Gasspeicher, dem Biogasrucksack. (B)pack ist ein ebenfalls mehrlagiger Kunststoffsack in Form eines Kissens mit einem Fassungsvolumen von 1 m3 unkomprimiertem Gas, d.h. ca. 6 kWh Kochenergie, Tragegurten und einem Kugelhahn, der das Gas aus der Biogasanlage speichert. Er befüllt sich automatisch durch Druckausgleich zwischen (B)plant und (B)pack und kann nach Verschließen eines simplen Kunststoffkugelhahns von der Leitung abgekoppelt werden. Der (B)pack wiegt nur 3.5 kg und kann leicht zur Kochstelle transportiert werden. Der Brenner (B)flame besteht aus ½“ Standard-Rohrfittings und zwei runden, gewölbte Metallscheiben, die über eine hohle Verbindungsschraube durch ein Loch in der Mitte gegeneinander Eine Frau in Kenia trägt einen Biogas-Rucksack zu Nachbarn. Der Rahmen eines Biogaskochers, in Benin lokal angefertigt aus einer Felge. verschraubt werden. Die untere Scheibe ist gewellt und formt so die Brenneröffnungen. Dieser Brenner wird als Bausatz angeboten, vor Ort zusammengebaut und mit einem für das jeweilige Land passenden Kocherrahmen versehen. Über eine einfache Leitung wird der Brenner an den Rucksack angeschlossen, das Gas wird mit einem Gewicht aus dem Rucksack gedrückt und bei einem Verbrauch von 300 bis 400 Liter Biogas pro Stunde kann für zwei bis drei Stunden gekocht werden. Diese Kombination simpler Technologien ist für den Markt in Afrika, Lateinamerika und Asien ausgelegt. (B)pack und (B)flame sind patentiert und können von lokalen Partnern gegen Lizenz auch vor Ort produziert werden. Auch Bild: (B)Energy Bild: ReBin die Biogasanlage ist so konzipiert, dass möglichst viel lokal verfügbares Material verwendet werden kann und nur wenig importiert werden muss. Ein Komplettsystem mit einer Anlage, vier Rucksäcke und drei Brennern zum Kochen mit Biogas sowie der Lizenz für die (B)app kostet ab Werk 429 Euro. Werden es mehr, wird es billiger. Das Geschäftsmodell: Der Biogasproduzent, der sein eigenes Geld in das Biogassystem investiert hat, kann aus dem ihm zur Verfügung stehenden organischen Substrat Biogas für sich und seine Nachbarn produzieren. Er spart Ausgaben für Holz und verdient, indem er täglich zwei aufgefüllte Biogasrucksäcken an Nachbarn verkauft. Dies bringt täglich in den meisten Gegenden 1 bis 2 € ein. Kein schlechter Verdienst, wenn das Monatseinkommen, wie oft üblich, bei 50 bis 100 € liegt. Der schwierigste Teil ist, traditionelle Bauern in entlegenen Gebieten zu erreichen. Hierzu schult (B)energy regelmäßig Importeure, die auf eigene Kosten während des dreitägigen Theorie- und Praxistrainings alle notwendigen Fähigkeiten erlangen, um in ihren Ländern ein Biogasunternehmen aufzubauen. Sie sind nur dafür verantwortlich, die Technik ins Land zu bringen. Junge, aktive und praktische Menschen besonders aus ländlichen Gegenden haben dann die Chance, ihr eigenes Geschäft als Installateure aufzubauen. Dazu bietet (B)energy ein Online Training und die (B)app, eine mobile Biogas-App an, die die gesamte Schulung der Installateure übernimmt, ihnen Marketingmaterial, einen Biogasrechner für die Kundenberatung und eine komplette Aufbauanleitung auf ihr Telefon bringt. Dadurch bleiben Installateur, Importeur und (B)energy in engem Kontakt und sorgen gemeinsam für maximale Arbeits- und Servicequalität. Das wirklich Besondere an (B)energy ist, dass all dies komplett ohne Hilfsund Fördergelder, ohne Spenden und Almosen umgesetzt wird, sondern aus der Kraft der lokalen Partner heraus. Seminar in Köln: 18.-20. September 2019, Anmeldung über die Webseite www.be-nrg.com oder per email an be-trained@be-nrg.com Katrin Pütz, Geschäftsführerin von (B)energy info@be-nrg.com UmweltMagazin September 2019 57

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