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1/2 | 2012

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SPECIAL Erneuerbare

SPECIAL Erneuerbare Energien SaubererStrom für170 000 Haushalte Mit dem Kraftwerksneubau in Rheinfelden wurde die Wasserkraftnutzung an einem historischen Standort optimiert. Im September 2011 hat die Energiedienst AG in Rheinfelden ein 100 Megawatt-Laufwasserkraftwerk offiziell eingeweiht. Durch ökologische Ausgleichsmaßnahmen kamen auch Fische und Pflanzen bei dem Großprojekt nicht zu kurz. Helmut Reif Schon das alte Kraftwerk Rheinfelden sorgte seinerzeit für Furore. Als im Sommer 1897 die ersten Turbinen in Betrieb genommen wurden, war dies der Startschuss für den industriellen Aufstieg der gesamten Region. Es war das erstevon elf Hochrheinkraftwerken und mit einer Leistung von 26Megawatt zugleich eine der ersten großen Wasserkraftanlagen inder Geschichte dereuropäischen Stromerzeugung. Herausforderung grenzüberschreitender Neubau Als nach einerLaufzeitvon 90 Jahren die alten Konzessionen ausliefen, erhielt die Energiedienst AG im Jahr 1989 neue Konzessionenfür weitere 80 Jahre Kraftwerksbetrieb inRheinfelden. Damit verbunden war die Auflage, ein neues Wasserkraftwerk mit höherer Stromproduktion zu errichten. Gefordert wurde überdies der Erhalt der natürlichen Flusslandschaft. Die EnergiedienstAGbegann daraufhin mit derPlanung eines 100 MW-Laufwasserkraftwerksmit vierRohrturbinenund einem Wehr mit sieben Öffnungen. Das grenzüberschreitende Projekt war getragen vom politischen Willen auf beiden Seiten des Rheins, die Wasserkraft des Flusses zur regenerativen Stromerzeugung möglichst optimal zu nutzen. Nach einer umfangreichen Umweltverträglichkeitsprüfung nach Schweizer Gesetzgebung erteilten die BehördengrünesLicht für denNeubau. Mit Hilfe von aufwändigen hydraulischen Modellversuchen am Institut für Wasserbau und Kulturtechnik der Universität Karlsruhe wurde die Anlage geplant. Dazu bauten die Forscher drei Kilometer Flusslandschaft imMaßstab 1:50 nach. Ein neues Kraftwerk entsteht Im Juni 2003 rollten die Bagger an und begannen, die erste von drei zeitlich und räumlich versetzten Baugruben mit einerSpundwand zu umschließen. Die Bauweise mit mehreren Gruben engte den Flussquerschnitt sowenig wie möglichein, um bei Hochwasser keinen unzulässigen Höherstau zuerzeugen. Die erste Bauphase dauerte bis Mai 2005, die zweite bis April 2007. Nach Fertigstellung des neuen Stauwehrsdiente es zunächstfür die Versorgung der Altanlage. In der daraufhin in Angriff genommenen, dritten Baugrube entstand das Maschinenhaus. Ende 2010 konntendortalle Maschinen in Betrieb gehen. Anschließend wurde die alte Kraftwerksanlage bis zum Sommer 2011 demontiert. Im September weihte die Energiedienst AGdas neue Kraftwerkoffiziell ein. Bis dahin wurden 1,4 Millionen Kubikmeter Fels ausgehoben, die aus ökologischen undlogistischen Gründenin unmittelbarer Nähe zum Kraftwerk deponiert oder auf der Baustelle verwendet wurden. Bis zu 160Bauarbeiter waren indrei Schichten imEinsatz und 18 UmweltMagazin Januar -Februar2012

Die Baugrube des Maschinenhauses imApril 2009: Hier wurden 120 000 Kubikmeter Beton und 12 000 Tonnen Armierungseisen verbaut. Die Luftaufnahme der Gesamtanlage zeigt unterhalb des alten Wehrs die natürliche Flusslandschaft mit felsigen Stromschnellen. rund 90 000 Besucher besichtigten zwischen den Jahren 2004 und 2011 die Baustelle. Alleine für das Maschinenhaus wurden 120000 Kubikmeter Beton und 12 000 Tonnen Armierungseisen verbaut. Die schwersten Einzelteile warenmit jeweils 120Tonnen die Rotoren derGeneratoren. Um das Gefälle zu erhöhen, tieftedie Energiedienst AGden Rhein imUnterlauf des Kraftwerks ein. Dazu wurde in der Rheinsohle auf einer Länge von 1,8 Kilometern eine 100 Meter breite Rinne ausgebaggert mit einer Tiefe von vier bis zwölf Metern, letzteres direkt unterhalb des Maschinenhauses. Das Oberwasser wurde um 1,4 Meter höher gestaut. Dies erforderte viele Sicherungsmaßnahmen an umliegendenGebäuden, wie beispielsweise an Schloss Beuggen,Industrieanlagen undFischerhütten, da durch den Höherstau der Grundwasserspiegelstieg. Insgesamtinvestiertedie EnergiedienstAG12MillionenEuroinSicherungsmaßnahmen. Stromproduktion verdreifacht Die Stromproduktion wurde gegenüber der alten Anlage mehr als verdreifacht und stieg von 185 Gigawattstunden (GWh) auf 600 GWh pro Jahr. Damit könnenrund 170000 Haushalte mit sauberem Strom aus Wasserkraft versorgt werden.ImVergleich zumbundesdeutschen Strommix erspart dies der Umwelt 350 000 TonnenKohlendioxid. Im Gegensatzzum alten Kraftwerksteht die neue Anlage quer zum Fluss und arbeitet wesentlich effizienter, dasie die einsetzbare Wassermenge von 600 auf 1500 Kubikmeter pro Sekunde erhöht hat und durch denHöherstau eingrößeresGefälle nutzt. Vielfältige Ausgleichsmaßnahmen Zum Gesamtprojekt gehören 65ökologische Ausgleichsmaßnahmen. Kernstückist einrund 900Meter langes und 60 Meter breites, naturnahes Fließgewässer, das den bisherigen Kraftwerkskanal in einenwertvollenLebensraum fürviele Fisch- und Pflanzenarten verwandelt. Von dem strukturreichen Lebensraum mit Stromschnellen, Rinnen und Kiesinseln werden Fischarten wie Nasen, Forellen und Lachse sowie bodengebundene Lebewesen wie Krebse profitieren. Diese Ausgleichsmaßnahme istinihrer Größenordnung europaweiteinzigartig. Eine Aufstiegsmöglichkeitfür Fische – unter anderem auch für Lachse –bietet ein Vertical-Slot-Fischpass beim neuen Maschinenhaus am Schweizer Rheinufer. Das „Gwild“, die natürliche Flusslandschaft mit felsigen Stromschnellen unterhalb des alten Wehrs, blieb zur Hälfte biologisch funktionsfähig erhalten. Eine Dotierturbine gibt hier eine ständige Wassermenge vonmindestens 30 Kubikmeter pro Sekunde ab, umein Trockenfallen der Felsstrukturen bei Niedrigwasser zu verhindern und die wertvolle wechselfeuchte Flora der Kalkfelsenzuerhalten. Ein Raugerinne-Beckenfischpass mit 44 Becken verbindetdas Gwild mit dem Fließgewässer im bisherigen Kraftwerkskanal. Ursprünglich als Provisorium während der Bauzeit gedacht, ist der Pass inzwischen fester Bestandteil der neuen Anlage. Der Steinaufbau wurde der natürlichen Flusslandschaft nachempfunden und ist Lebensraum für seltene Tierarten wie der Wasseramsel, für die eigens Bruthöhlen angelegt wurden. Insgesamt hat die Energiedienst AG 380 Millionen Euro indas neue Kraftwerk investiert. Helmut Reif, Energiedienst AG, Rheinfelden, helmut.reif@energiedienst.de Bilder (3): Energiedienst AG UmweltMagazin Januar -Februar2012 19

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