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1/2 | 2013

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Technik &Management

Technik &Management Luft/Lärm 18. UN-Klimagipfel in Doha Bild: COP18 Klimaschutz und Emissionshandel: Zielverschärfungmit Anlauf Beim UN-Klimagipfel in Doha im vergangenen Dezember haben die Vertragsstaaten einigen Entscheidungen zugestimmt und konkrete Verhandlungen zu einem neuen, umfassenden Klimaabkommen aufgenommen, die bis 2015 abgeschlossen sein sollen. Diese Ergebnisse sind ein Kompromiss, der den internationalen Klimaschutz einen Schritt voran bringt, aber zur Euphorie keinen Anlass gibt. Das neue Klimaabkommen, das ab2020 gelten soll, wird nun nach einem klaren Arbeitsplan verhandelt. Die Verhandlungen sollen bis Ende 2015 abgeschlossen sein. Das Umweltbundesamt (UBA) plädiert jedoch dafür, entscheidende Weichenstellungen schon vor Inkrafttreten des neuen Abkommens vorzunehmen. Dr. Jürgen Landgrebe und Dr. Klaus Müschen Umden Anstieg der durchschnittlichen globalenErwärmungder Atmosphäre im Vergleich zum vorindustriellenNiveauauf maximal2°C zu begrenzen, darf die CO 2 -Konzentration höchstens 450 parts per million (ppm) CO 2 -Äquivalente (CO 2äq )betragen. Als ihren Beitrag zur Einhaltung des 2°C-Ziels legte die Europäische Kommission inihrem Dokument zur langfristigenKlima- und Energiepolitik „Roadmap 2050“eine Zielmarke vonminus 80 bis minus 95 Prozent Treibhausgas- Emissionsminderung bis 2050 imVergleich zu 1990 fest.Das heutige Ambitionsniveau zur Minderung von Treibhausgasen basiert auf den Minderungszusagen nach den Vertragsstaatenkonferenzen von Kopenhagen in 2009. Diese Minderung reicht selbst im günstigsten Fall bei weitem nicht dafür aus, dass das 2°C-Ziel langfristig eingehalten wird. Vielmehr besteht nach dem jüngsten „UNEP-Gap-Report“eine Ambitions-Lücke von 8 bis 13 GigatonnenCO 2äq ,die ab demJahr 2020 zusätzlich weniger emittiert werden müssen. Um dies zuerreichen, muss esbereits jetzt –noch vor einem ab2020 geltenden internationalen Klimaschutzabkommen – nicht nur Maßnahmen auf technischer Ebene zur effizienteren Energieverwendung geben. Vielmehr wirdesdarum gehen, die Voraussetzungenfür eine zukünftig auf Erneuerbaren EnergienbasiertetransformierteGesellschaftzuschaffen. Handlungsbedarf Der dringende Handlungsbedarf gilt trotz bereits erfolgreicher Emissionsminderungen: Die Treibhausgas-Emissionen liegen 2011 bei etwa 917Millionen Tonnen (t) CO 2äq und damit nur knapp über dem Niveau des durch die globale wirtschaftliche Krise geprägten Jahres 2009. Gegenüber 1990 wurden die Emissionen um etwa 27 Prozent gemindert. DieseEntwicklung erfolgte bei den mengenmäßigen HaupttreibhausgaseninunterschiedlicherAusprägung: Kohlendioxid (CO 2 ) minus 23,6 Prozent, bei Methan (CH 4 )minus 55,6Prozent und bei Lachgas (N 2 O) minus 34,2 Prozent. Die sogenannten F-Gase tragen insgesamt nur etwa 1,4 Prozent zu den Gesamttreibhausgasen bei –ihr Beitrag stieg bei unterschiedlicher Entwicklung in deneinzelnenGasen insgesamt um etwa 10 Prozent an. Die bisher inDeutschland erreichten Emissionsminderungen im Energiebereich sind das Ergebnis eines erfolgreichen Instrumentenmix. Dieser zielt darauf, den absoluten Energiebedarf zu 36 UmweltMagazin Januar 2013

Mio. t CO2/Jahr 2400 2000 1600 1200 800 400 0 ETS 20%-Ziel Verlauf (KF 1,74% ab 2010) ETS 30%-Ziel Verlauf (KF 3,5% und 1,74% ab 2020) 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 Betrachtung der Zielerfüllung bis 2050 der gesamten Anlagen senken und den verbleibenden Bedarf immer stärker mit Erneuerbaren Energien zudecken. Allein ihr Ausbau im Stromsektor minderte imJahr 2011 die Treibhausgas-Emissionen um86,3 Millionen Tonnen. Vorallem das Erneuerbare-Energien-Gesetz, die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung und der Emissionshandel sind wichtige Instrumente, die zu einer starken Minderung derTreibhausgase geführthaben. Emissionshandel Der Emissionshandel ist das zentrale Instrument der EU für mehr Klimaschutz.Der Staat als Regulatorsetzt den am Emissionshandel teilnehmenden Wirtschaftssektoren ein Emissionsminderungsziel (Cap) und legt damit die Budgetmenge verfügbarer Zertifikate für die jeweilige Handelsperiode exante fest. Der Emissionshandel ist ein ökonomischesInstrument zurMengensteuerung und als direkte Folge dieses Systemserhält die Emission einerTonne CO 2 einen Wert, der sich amHandelsmarkt bestimmt. Je anspruchsvoller das Cap, desto höher der CO 2 -Preis. Über diesen Preis schafft der Emissionshandel Anreize für Investitionen in CO 2 -sparende Technologien. Dieerzielten Überschüsse im Europäischen Emissionshandels (EU-ETS) zu Beginn der 3. Handelsperiode 2013 bis 2020 werden auf mindestens1,3 bis1,5 Milliarden Emissionsberechtigungen (EUA) geschätzt, könnten nach Schätzung der Europäischen Kommission aber sogar bis auf 2Milliarden EUA ansteigen. Dies entsprichtgut 8bis 10 Prozent des gesamten Cap der 3. Handelsperiode. Mithin ruhenauf den Registerkonten der Anlagenbetreiber in Europa 80 -95% Reduktionsziel für ETS Grafik: UBA Guthaben,die sie absehbar nicht benötigen und als „ökologischer Rucksack“ möglicherweise bis weit in die 20er Jahre hinein getragen werden. Somit wird ambitionierter Klimaschutz in Europa anhaltend verhindert, denn bei gegenwärtigen Börsenpreisen von 6bis 8 Euro protCO 2 liegt kein Preissignal für dringend benötigte langfristige Investitionen inmoderne und effiziente Klimaschutztechnologienvor. Dies hat auch die Europäische Kommission erkannt und im November 2012 ein temporäres Zurückhalten (Backloading) von 900 Millionen EUA aus denVersteigerungsmengen 2013 bis 2015 vorgeschlagen, um den EUA-Preis kurzfristig zustabilisieren. Die zurückgehaltenen Mengen sollen 2019 und 2020 wieder in denMarkt gegeben werden. Daneben sieht die Kommission aber auchgrundlegendenHandlungsbedarf, denn ohne Beseitigung des strukturellen Ungleichgewichts zwischen Nachfrage und Angebot würden die Überschüsse den eigentlichen Zweck des EU-ETS unterlaufen, die Klimaziele auf volkswirtschaftlich kosteneffiziente Weise zu erreichen. Als Lösung schlägt die Kommission verschiedene strukturelle Maßnahmen vor, die alle einLegislativverfahren mit Beteiligung der rechtssetzenden Organe erfordern (EU Kommission, Rat und Parlament). Die Vorschläge sind teilweise überlappend, komplementär, aber auch alternativ zu sehen: 7 Anhebung des EU-Minderungsziels für die EU-weiten Treibhausgasemissionenvon minus 20 auf minus30Prozent und adäquate Anpassung des Cap im EU-ETS 7 Dauerhaftes „Set Aside“: Stilllegung von Emissionsberechtigungen und/ oder Verschärfung des linearen Kürzungsfaktors von zurzeit minus 1,74 Prozent proJahr, 7 Erweiterung des Anwendungsbereichsdes ETS(etwa auf denVerkehr) 7 Weitere Beschränkung der Nutzung internationaler Gutschriften (CER, ERU) oder 7 Preismanagement-Mechanismen zur Reduzierung von Preisschwankungen gegen„externe Schocks“. Sehr wahrscheinlich ist hier ein Mix der Maßnahmen – gestaffelt auf der Zeitachse –sinnvoll. Kritisch zusehen istallerdings die Einführung einesPreismanagement-Mechanismus, der die Natur des Emissionshandels als mengenbasiertes Steuerungsinstrument grundsätzlichändern und neue Verfahren zur Entscheidung über die Preisgrenzen erforderlich machen würde. Außerdem könnte ein solcher Preismechanismus ambitioniertere Ziele und eine Cap-Anpassung kaum ersetzen. Fazit Das Umweltbundesamt befürwortet vorrangig die Anhebung des EU-weiten Klimaschutzziels bis 2020 auf minus 30 Prozentder EU-weiten Treibhausgasemissionen. Bislang hat die EU die Verschärfung des Klimaziels an den erfolgreichen Abschluss eines Kyoto-Nachfolgeabkommens gebunden, in dem sichauchandere Industrie-und Schwellenländer zu angemessenen Minderungszielen verpflichten. Nach UBA-Berechnungen bedeutet das 30 Prozent-Zielbezogen auf denEU-ETS eine zusätzliche Minderung von rund 1,8MilliardenTonnen CO 2 -Emissionen fürden Zeitraum 2013 bis2020, das entspricht rund 225 Millionen Tonnen CO 2 jährlich. In Anbetracht der Gesamtüberschüsse im EU-ETS, die mindestens1,3 bis1,5 MilliardenEUA betragen, würde die zusätzlich zuleistende Emissionsminderung – wenn überhaupt –höchstens 40 bis 60Millionen Tonnen CO 2 jährlich ausmachen und dürftekeinesfalls zu einerunverhältnismäßigen Belastung der europäischen Wirtschaft führen. Dr. Jürgen Landgrebe und Dr. Klaus Müschen, beide Umweltbundesamt, Berlin, emissionshandel@dehst.de UmweltMagazin Januar 2013 37

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