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10/11 | 2012

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Technik&Management Seit

Technik&Management Seit Ende Juni dieses Jahres steht inNeumarkt inder Oberpfalz die größte photovoltaische Lärmschutzwand der Welt. Sie schützt die Anwohner vor dem Lärm einer viel befahrenen Bahnstrecke und soll pro Jahr annähernd 1,2 Millionen Kilowattstunden Strom liefern. Lärmschutzund Solarstrom im Großformat Kraftwerk und Lärmschutz ineinem: die Solarstromanlage entlang einer Bahnstrecke bei Neumarkt/Oberpfalz Prof. Klaus Hofbeck Imbayerischen Neumarkt ist inden vergangenen Jahren im Stadtteil Pölling das Neubaugebiet Bühl II entstanden. Sein Nachteil: Es grenzt an die Bahnstrecke Nürnberg-Regensburg an, auf derunteranderembis zu 800Meter lange Güterzüge im Fünf-Minutentakt fahren. Schon im Bebauungsplan war deshalb ein750 Meterlangerund sieben Meter hoher Lärmschirm ausgewiesen. Diesen hat die Stadt nun mit der weltweit größten und längstenPhotovoltaik (PV)-Lärmschutzwand entlang einer Bahnstrecke realisiert. Das Besondere: Die PV-Module sind nicht einfach auf einer Mauer angebracht, sondern bildenselbstdie Lärmschutzwand. Planung und Konzeption Das Hauptproblem bei der Nutzung von Lärmschutzanlagen zur photovoltaischenStromerzeugung liegt im komplexenZusammenspiel vonAkustik, Ingenieurbau und Photovoltaik, gepaart mit Lichtreflexionen und Eigentumsfragen. Deshalb hat die Stadt Neumarkt zwei spezialisierte Ingenieurbüros hinzugezogen: Treiber-Lärmschutz aus Dresdenund die Photovoltaik-Experten Exaphiaus Neumarkt. Ziel war es, mit einer einfachen und effektiven ingenieurbautechnischen Konstruktion die Anwohner nach den Bestimmungen und Vorgaben der „Technischen Vertragsbedingungen undRichtlinienfür die Ausführung von Lärmschutzwänden an Straßen (ZTV- Lsw 06)“ und der DIN EN 1793–2 vor den Geräuschen der Bahntrasse zu schützen. Gleichzeitig sollte das Konzept eine sichere Grundlage für die Komponenten der PV-Anlage bilden – und das Ganze natürlich mit vertretbarem Aufwand und zu bezahlbaren Kosten. Die Planung stellte die Spezialisten vorviele Probleme.Somussten etwa die Module lückenlos verbaut werden, um den Schall wirkungsvoll zurückzuwerfen. Auch für den stellenweise ungewöhnlichschlechtenBaugrund musste Treiber Lösungen erdenken. Weiterhin war ein geschützter und dennoch gut zugänglicher Standort für die Transformatoren, Wechselrichter und AC- Sammler zu finden. Außerdem sollte die gesamte PV-Fläche aufgrund derSicherheitsanforderungen für den Bahnverkehr sowie wegen einer nahen Bundesstraße blendfrei sein. Die Lichtreflexionendurften nicht größer sein alsdie einer vergleichbaren weißen Häuserwand. Monitoringsystem Um die hochgesteckten Erwartungen an die Leistungsfähigkeit derPV-Anlage zu garantieren, haben die Exaphi-Ingenieure eines der modernsten Monitoringsysteme integriert.Esreichtvon der Qualitätskontrolle der Module bis hin zumpermanentenCheck-up derAnlage mit Echtzeitüberwachung. Sokönnen frühzeitige Degradation der Module und eine damit einhergehende Leistungsminderung sofort erkannt werden. Auch mögliche Schäden durch die Erschütterung der vorbeifahrenden Züge würden dank spezieller Sensoren schnell bemerkt. Durch den Abgleich mit aktuellen Wetterdaten fallen etwaige Abweichungen vom erwarteten Ertrag nochauf einemweiterenWeg zuverlässig auf. Entsprechende Gegen- 38 UmweltMagazin Oktober -November 2012

Erneuerbare Energien Die blendarm ausgeführten Module helfen dabei, das langgestreckte Bauwerk in die Landschaft zu integrieren. maßnahmen könnendann schnell und umfassend eingeleitet werden, bevor sich der geminderte Ertrag zu einem größeren Schaden auswächst. Strom für 300 Haushalte Insgesamt hat die PV-Lärmschutzwand in Neumarkt eine Länge von 744 Metern und eine akustische Abschirmhöhe vonsieben Metern über der Gleisoberkante. Die PV-Fläche beträgt rund 8600 Quadratmeter. Die Anlage kann mit einer5,20Meter hohen, konventionellen senkrechten Lärmschutzwand mit einerFläche vonfast3900Quadratmetern gleichgesetzt werden. Pro Jahr sollenhiermehrals 1,189MillionenKilowattstunden Strom erzeugt werden. Das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa 300 Vier-Personen-Haushalten. Für die PV-Anlage wurden 5090 blendarme, polykristalline Module verbaut und ein String-Wechselrichter-Konzept umgesetzt. Der AC-Strom wirdmit zwei 630-kVA-Transformatoren in das Mittelspannungsnetz(20 KV) eingespeist. Als Unterkonstruktion dienen 125einseitig eingespannte Stahlbetonbalken, die mit einer Pendelstützkonstruktion komplettiert wurden. Die schlanken Stahlbetonbalken sind in Einzelfundamenten flach gegründet, die Pendelstützen wurden wegen der problematischen Baugrundsituation auf Bohrpfählen abgestützt. Die Bauzeit betrug 109Kalendertage. Bilder (2): Exaphi Ästhetik Die Anlage hat allein aufgrund ihrer Dimensionen einen stark Landschaftsbild prägenden Charakter. Dennoch fügt sie sich harmonisch indie Umgebung ein. Durch die Verwendung der blendarmen Module wird die Ansicht als zurückhaltend und warm wahrgenommen–anders als bei herkömmlichen Freiflächenanlagen, die eine glatte,hochglänzende und kalte Fläche bilden. Auf der Seite der Anwohner werden die bereits vorhandenen Bepflanzungen durch weitere landschaftspflegerische Maßnahmen ergänzt und unterstützt, sodass die Lärmschutzwand außerhalb derWintermonate vomWohngebiet aus überhauptnicht sichtbar sein wird. Dies erzeugteine hohe Akzeptanz bei denunmittelbaren Anliegern, die so nicht nur vom Lärmschutz, sondern auch von einem schönen Ausblick profitieren. Wirtschaftlichkeit Die PV-Lärmschutzwand Neumarkt hat einen höheren Nutzwert als eine klassische Solarstrom-Freiflächenanlage, bedingt aber auch höhere Aufwendungen. Gemäß Erneuerbarem- Energien-Gesetz kommt bei der NeumarkterAnlage derhöhereVergütungssatz zum Tragen, da ein verbesserter oder neu geschaffener Lärmschutz einen zuvergütenden Nutzwert darstellt. Dadurch lassen sichdie höherenKosten zu einem großen Teil ausgleichen. Zudem kann eine PV-Lärmschutzwand in Kombination mit einer PV-Freiflächenanlage, einem anderen regenerativen Energieträger und einem Speicher der Einstiegindie dezentrale Energieversorgung sein. Die Kommune kann sich so unabhängiger von den in der Zukunft zu erwartenden Strompreissteigerungenmachen. Ein weiterer Aspekt ist die hohe Zustimmung derBevölkerung.Zum einen unterstützen derzeit viele Menschen aus prinzipiellenGründen regenerative Energien. Zum anderenzahlt sichdiese Lärmschutzwand im Lauf derZeitdank der Vergütung nach dem Erneuerbare- Energien-Gesetz selbst ab – die kommunalenKassen werden also geschont. Alles inallem ist die PV-Lärmschutzwand ein lukratives Investitionsgut – erst recht, wenn die Aufwendungen für eine konventionell zu errichtende Lärmschutzwand in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einbezogen werden. Prof. Klaus Hofbeck, Exaphi GmbH, Neumarkt, info@exaphi.de Wochenendworkshop vom 23.–24.11.2012 in Bonn: „Erstellung ihres individuellen Energiemanagement-Handbuchs“ – schnell, kompetent und zertifizierfähig: – Einführung in Energiemanagementsysteme nach EN ISO 50001 – Mithilfe bei der Erstellung ihres Managementhandbuchs sowie ihrer mitgeltender Dokumente – Integration in ihre bestehende Managementsystemdokumentation – Beispiele für Energieeffizienzmaßnahmen – Bereitstellung von umfassenden Musterdokumenten als bearbeitbare Dateien Weitere Informationen hierzu: mMM martin Myska Managementsysteme www.myska.com; Tel.: 0228 – 44 52 27 Ansprechpartner: Dipl.-Ing. Martin Myska UmweltMagazin Oktober -November 2012 39

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