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10/11 | 2014

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SPECIAL Erneuerbare

SPECIAL Erneuerbare Energien Bild: KfW-Bildarchiv/Thomas Klewar Die kostengünstige Eigenerzeugung von Energie wird für industrielle Verbraucher zunehmend attraktiv. Trendzur industriellenEigenerzeugung Kontinuierlich steigende Energiepreise, die unklare Entwicklung gesetzlicher Grundlagen und der wachsende Zweifel an der Energiewende sind Einflussfaktoren, die sich zu einer ernsten Belastung für deutsche Industrieunternehmen entwickeln. Anfang Mai 2014 hat das Bundeskabinett die Neuordnung der Besonderen Ausgleichsregelung (BesAR) des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) für Industrieunternehmen beschlossen. Bisher profitierten rund 2100 Unternehmen von der Regelung, gut 500 von ihnen werden aber künftig die Anforderungen nicht mehr erfüllen und müssen mit deutlich höheren Abgaben rechnen. Folglich wird die Umstellung auf die kostengünstigere Eigenerzeugung von Energie für Endverbraucher zunehmend attraktiver. Dr. Götz Wehberg Deutsche Industrieunternehmen mit einem jährlichen Gesamtstrombedarf von etwa 120 Terawattstunden (TWh) machen rund ein Fünftel des deutschen Energieverbrauchs aus [1]. Insbesondere für Produktionsprozesse stellt der Energiewandel einen relevanten Kostenfaktor dar: Maschinenund Produktionsabläufe, aberauch Lagerhallen und Verwaltungsgebäude haben je nach Größe des Unternehmens einenhohen Strom-, Wärme-und Kältebedarf. Durch Eigenerzeugunghaben Betriebe die Möglichkeit, ihreEnergiekosten effektiv zu senken und einen Nachteil im internationalen Wettbewerb zu vermeiden. Gleichzeitig bietetder Aufbau einerunternehmenseigenenInfrastrukturzur Energieerzeugung eine umfassende Versorgungssicherheit innerhalb desUnternehmens. Industrieunternehmen wechseln die Seite In der Tatist derAnteil derdeutschen Unternehmen, die Maßnahmen zur Eigenversorgung realisiert haben, inden vergangenenJahren deutlichgestiegen. Laut eines Berichts des Deutschen Industrie-und Handelstags produziert bereits jedes sechste Unternehmen in Deutschland Strom, Wärme und Kälte in eigenenAnlagen, einweiteresViertel der Unternehmen plant den zeitigen Einstieg indie Eigenerzeugung [2]. DieserTrend manifestiert sichnicht nur bei Erneuerbaren Energien, sondern auch bei konventionellen Anlagen. Ein besonders effizientes HerstellungsverfahrenbietenKraft-Wärme-Kopplungs-An- lagen(KWK-Anlagen). Diese Kraftwerke erzeugen Strom, Wärme und gegebenenfalls Kälte in einem gekoppelten, gleichzeitig stattfindendenProzess. Der Brennstoff kann dadurch effizienter verarbeitetund in nutzbare Energie umgewandelt werden als bei einer Produktion ingetrennten Anlagen. Aus einem Brennstoff wirddortgleichzeitig elektrische Energie und die daraus entstehende Wärme gewonnen. Diese Wärmeenergie wird zum Erhitzen oder Verdampfen von Wasser genutzt und steht dann für weitere Produktionsprozesse zur Verfügung. Somit verfügt die KWK-Anlageüber sehr hohe Wirkungsgrade von bis zu 95 Prozent und trägt maßgeblich zur Wirtschaftlichkeit des Unternehmens bei. Da insgesamt auchgeringereMengen an Brennstoff verbraucht werden,fallen folglich auch weniger klimaschädliche 26 UmweltMagazin Oktober -November 2014

CO 2 -Emissionen an. Rund 16 Prozent der industriellen Stromnachfrage wird heute mit Hilfe von Eigenerzeugungsanlagen produziert und sorgt für eine jährliche CO 2 -Reduzierung von etwa 12,5 Millionen Tonnen[3]. KWK-Anlagen ermöglichen maßgebliche Einsparpotenziale für Unternehmen unterschiedlicher Größe. Umden wirtschaftlichen Erfolg der Eigenerzeugung zu gewähren, sind die folgenden technische, rechtliche und organisatorische Erfolgsfaktoren zu beachten. 7 Anforderungsmanagement: Die Auswahl der geeigneten KWK- Anlage ist Grundvoraussetzung der Wirtschaftlichkeit. 7 Netzanbindung: Der Erfolg einer KWK-Anlage hängt maßgeblich von den Gegebenheiten der internen und externenInfrastrukturab. 7 Wartung und Instandhaltung: Ein optimierter Aktionsplan minimiert die Ausfallzeiten und maximiert die Nutzungsdauerüber denBetriebsführungszeitraum. 7 Anmeldung: Eine professionelle Antragstellung auf die Zulassung der KWK-Anlage stellt sicher, dass keine Verzögerungen im Verfahren des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA)entstehen. 7 KWK-Vergütung: Optimierte Zuschlagszahlungen und Einspeisevergütungen sind bei der Betriebsführung zu berücksichtigen. 7 Weitere finanzielle Aspekte: Stromkosteneinsparung, Stromsteuer-Minderung und Rückerstattung sind bereits vor Inbetriebnahme relevante Erfolgsfaktoren. 7 Einkauf: Das Aushandeln günstiger Konditionen bei Anlagenerwerb, Energieträgerbeschaffung und Dienstleistungseinkauf bieten großes Einsparpotenzial. Literatur [1] www.energieintensive.de/fileadmin/ pdf/EID_Stellungnahme_Kabinett_ Versand.pdf [2] www.wsj.de/article/ SB10001424052702304815004579 416743277946598.html [3] http://vik.de/pressemitteilung/items/ eigenstromproduktion-standbein-vielerenergieeffizienter-standorte-und-partnerder-energiewende-von-eeg-belastungenfrei-halten.html 7 Anlagenbetrieb: DieAnlagenführung muss gleichzeitig nach technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimiert werden. 7 Vermarktung: Der Verkauf nicht benötigter Elektrizität und Wärme ist auf Grundlagerechtlicher, wirtschaftlicher und geografischer Gegebenheiten zu planen. Einsparpotenziale durch Subventionen und Vergütungen In Deutschlandwirddie KWK-Anlage allgemein durch das Kraft-Wärme- Kopplungsgesetz (KWKG) gefördert, das umfangreiche Subventionsmöglichkeiten für KWK-Betreiber bietet. Hierzu zählen Optionen wie die KWK-Vergütung, mit der hocheffiziente, neue oder modernisierte KWK- Anlagen gefördert werden können. Diese Vergütung wird direkt an den KWK-Betreiber ausgezahlt und besteht sowohl aus einem KWK-Zuschlag als aucheinerEinspeisevergütung. Über einen bestimmten Zeitraum wirdein anlageleistungsabhängiger Zuschlag für den in der Anlage erzeugten Stromgezahlt. DieAuszahlung jeder erzeugten Kilowattstunde Strom erfolgt vomVerteilnetzbetreiber (VNB),andessen Netz die Anlage angeschlossen wurde, direkt an den KWK-Betreiber. Zusätzlich wird durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zur Förderung von KWK-Anlagen mit einer elektrischen Leistung bis 20 kW ein einmaliger Investitionszuschuss an den Anlagenbetreiber ausgezahlt. KWK-Betreiber haben zusätzlichzum KWK-Zuschlag auch den Anspruch auf eine Vergütung für die Einspeisung nicht genutzten Stroms in das Netz des örtlichen Energieversorgers. Hier kann der KWK-Betreiber zwischen zwei Möglichkeiten unterscheiden. Es wird entwederein fester Preiszwischen demAnlagen- und dem Verteilnetzbetreiber über die Einspeisevergütung vereinbart oder die Vergütung für gelieferten Stromerfolgtzum üblichen Preiszuzüglich vermiedener Netznutzungsentgelte. Die Einspeisevergütung für gelieferten Strom erfolgt gemäß dem durchschnittlichen Preis für Grundlaststrom „European Energy Exchange„ (EEX) an der Leipziger Börse aus dem vorangegangenen Quartal. Das Entgelt wird nicht gewährt, wenn die Stromeinspeisung nach demEEG oder nach §4Abs. 3 Satz 1des KWKG vergütet wird und in der KWK-Vergütung vermiedene Netzentgelte bereits enthaltensind. Betreiber von dezentralen KWK- Erzeugungsanlagen erhalten zusätzlich vom Betreiber des Elektrizitätsverteilungsnetzes, indessen Netz sie einspeisen, ein Entgelt. Diese vermiedenen Netznutzungsentgelte (VNNE) stehen für die Vergütung der Kosten, die nicht entstehen, weil die KWK-Anlagen ihren Strom dezentral in das Niederspannungsnetz einspeisen und nicht zuvor vom Hochspannungsnetz stufenweise heruntertransformiert werden. Des Weiterenkann derBetreiber einer KWK-Anlage auch Vergünstigungen durchSteuerrückerstattungenerhalten. Werden in einer KWK-Anlage steuerpflichtige Brennstoffe eingesetzt, so kann unter bestimmten Voraussetzungen eine Rückerstattung der auf das Energieerzeugnis gezahlten Energiesteuer erfolgen. Diese Voraussetzungen erfordern eine KWK-Anlage, die als hocheffizient eingestuftwirdund einen Monats- und Jahresnutzungsgrad von 70 Prozent erreicht. Zudem muss für denerzeugtenStrom aus KWK-Anlagen mit einer elektrischen Leistung bis zu 2MW, der vom KWK-Betreiber selbst verbraucht wird, keine Stromsteuer (2,05Cent/kWh) entrichtetwerden. Für bestimmte Prozessedes produzierenden Gewerbes gilt aber weiterhin eine Stromsteuer-Minderung in Höhe von 5,13 Euro/MWh. Aussicht Unternehmen, die sich von externen Stromversorgern und steigenden Strompreisen durch die Eigenerzeugung in KWK-Anlagen unabhängiger machen, können von weiteren erheblichen Kosteneinsparungen profitieren. Somit sind Betreiber von KWK-Anlagen auch von Kostenpositionen wie Stromentgelte, Netzentgelte, EEG-Umlage, KWK-Umlage sowie Stromsteuerund Umsatzsteuer befreit. Unter diesen Voraussetzungen bieten KWK-Anlagen enorme Chancen für effektive Kostenersparnis und umweltschonende Energieerzeugung. Die Entwicklung dieser Anlagen wird daher in denkommenden Jahren eine zentrale Rolle auf der Agenda deutscher Industrieunternehmenspielen. Dr. Götz Wehberg, KPMG AG, Köln, gwehberg@kpmg.com UmweltMagazin Oktober -November 2014 27

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