Aufrufe
vor 2 Jahren

10-11 | 2016

  • Text
  • Unternehmen
  • November
  • Umweltmagazin
  • Oktober
  • Wasser
  • Ressourceneffizienz
  • Umwelt
  • Beispielsweise
  • Energie
  • Betrieb

Special

Special Ressourceneffizienz Kraftfahrzeuge besitzen einen immer größer werdenden Anteil an Kunststoffen. Die Recyclingbranche muss sich dem anpassen. Zukunftsperspektiven für das Altfahrzeugrecycling Die stoffliche Zusammensetzung von Kraftfahrzeugen wandelt sich von Jahr zu Jahr. Durch das Bestreben, immer mehr Gewicht zu sparen, wird Stahl durch Leichtmetalle und Kunststoffe ersetzt. Hinzu kommen immer mehr elektronische Bauteile, deren Anteil durch die aufstrebende Elektromobilisierung noch stärker ansteigen wird. Auch die Bedingungen für die Verwerter ändern sich dadurch. Die Scholz Holding GmbH, London, gibt einen Einblick in die aktuelle Lage des Automobil-Recyclings. Laut Dr. Kay Oppat, COO der Scholz Gruppe, haben Investitionen in Schredder- und Postschreddertechnologie im dreistelligen Millionenbereich in den letzten Jahren dazu geführt, dass Deutschland die von der EU gesetzten Ziele erreicht hat. „Wir dürfen uns aber nicht auf den Früchten der Vergangenheit ausruhen. Um zukünftig die neuen Fahrzeugmodelle verwerten zu können, sind Forschungsvorhaben, mehr Kommunikation mit den Automobilherstellern und neue Recyclingtechniken notwendig“, so Oppat. Angesichts einer sich stetig verändernden Zusammensetzung eines Durchschnittsfahrzeugs müssen Recyclingtechnologien ständig weiterentwickelt werden. War früher noch ein Stahlanteil von etwa 75 % in einem Pkw verbaut, so sind es heute nur noch rund 40 bis 50 %, der Rest verteilt sich auf Nichteisenmetalle, Kunststoffe, Carbonfasern sowie hochfeste Stähle. Die unterschiedlichen Eigenschaften der im Auto verbauten Stahlbleche entstehen durch variable Anteile an Kohlenstoff von 0,01 bis 2,06 % oder durch Mikrolegierungen. Diese Mikrolegierungen definieren bei Stahl die Eigenschaften der Kategorien hochfest, höchstfest oder ultrahochfest, dazu zählen unter anderem Niob, Titan und Vanadium. Diese tragen dazu bei, Fahrzeuge durch deutliche Gewichtsreduzierungen im Verbrauch effizienter zu machen. Leichtmetalle wie Aluminium und Verbundmaterialien verändern den Karosseriebau und damit das Recycling. Als Königsweg mit dem Ziel der Verbrauchs- und damit Emissionssenkung gilt unter Fahrzeugentwicklern die Gewichtsreduktion, das erreichen sie mit höheren Anteilen an Aluminium und Kunststoffen. Als Faustregel gilt: 100 kg Gewichtsreduktion sorgen für eine Verbrauchssenkung von rund einem halben Liter Kraftstoff pro 100 km. Die Recyclingunternehmen werden dabei vor große Herausforderungen gestellt. Denn das Design auf mehr Energieeffizienz in der Gebrauchsphase auszurichten, führt nicht zwangsläufig zu mehr Ökodesign. Die Materialvielfalt wird immer komplexer und damit die Trennung der Materialien am Lebensende immer aufwendiger. Hohe Verwertungsquoten zwingen die Aufbereiter bereits heute, immer größere Anteile an Kunststoffen abzutrennen, und dies setzt neue Technologien voraus. Heute sind die Experten der Scholz Gruppe damit beschäftigt, die Trennung der anfallenden Kunststoff- Fraktionen mit Hilfe von sensorgestützten Systemen zu optimieren. Dabei setzen sie auf eine Verbindung von bewährter Dichtetrennung und neuer Sensortechnologie. Hohe Verwertungsquoten bei gleichzeitiger Wertschöpfung erfordern entsprechende Qualitäten. Prä-Schredder-Technologien Fahrzeuge, insbesondere Elektro- oder Hybridfahrzeuge, enthalten heutzutage einen großen Anteil an elektrischen und elektronischen Komponenten, die aus Sicherheitsgründen oder zur Reduktion der Sortierkomplexität durch geeignete Prä-Schredder-Technologien vorbehandelt werden müssen. Vor einigen Jahren lag dieser Anteil noch bei 20 % an der Wertschöpfung in Neufahrzeugen, im heutigen Automobil kann er bei bis zu 14 UmweltMagazin Oktober - November 2016

Ressourceneffizienz Special 35 % betragen. Dazu gehören etwa Navigations- und Fahrassistenzsysteme sowie Elektromotoren zur Steuerung der Sitze. Dies wird zunächst zu einem höheren Druck hin zu mehr Vor-Demontageschritten in der Prä-Schredderphase führen. Herkömmliche Schredder- und Post- Schredderverfahren sind aktuell noch nicht auf die neue Zusammensetzung angepasst. Dr. Rene Gissinger, CEO der Scholz International Holding GmbH und zuständig für das Ressort Technik, sagt: „Wir müssen uns viel stärker auf die Prä-Schreddertechnik fokussieren. Wenn wir werthaltige Rohstoffe abtrennen wollen, muss dies vor dem Schredder geschehen. Ob dies in Zukunft mehr händische Demontage oder automatisierte Abtrennung heißt, kann heute nicht vorhergesagt werden.“ Zunächst können Kompetenzen aus dem Bereich der Elektronikschrottaufbereitung hinzugezogen werden. Jedoch sind für eine großtechnische Aufbereitung Investitionen notwendig. Dies ist in Kürze zu entscheiden und von politischen Rahmenbedingungen und damit Investitionssicherheit abhängig. Bevor ein Auto geschreddert wird, muss es teilweise demontiert werden. Batterierecycling verringert den Einsatz seltener Rohstoffe Große Herausforderungen gibt es zudem beim Ökodesign und bei der Vermeidung von Primärmaterialien in den neuen Elektrofahrzeugen. Wichtige Rohstoffe werden heute nicht oder nur unzureichend verwertet. Dabei sind gerade die Batteriematerialien betroffen, besonders Lithium, Seltene Erden, Tellur und Indium, die nicht oder nur geringfügig zurückgewonnen werden, weil sich das Recycling noch nicht rechnet. Auch Kobalt und Molybdän weisen nur niedrige Recyclingraten auf. Die Wiederverwertung bildet dort einen wichtigen Ansatzpunkt zur Verringerung des Einsatzes von knappen Rohstoffen. Alternative Zelltechnologien, die ohne den Einsatz heute verwendeter Kathodenmaterialien auskommen, werden derzeit zwar erforscht, mit einer Markteinführung ist jedoch noch nicht zu rechnen. Die Batterie sollte in jedem Fall getrennt entsorgt werden. Dafür ist auch ein pfandbasiertes System vorstellbar. Die Pläne der Bundesregierung, den Kauf von Elektrofahrzeugen finanziell zu unterstützen, sehen die Experten von Scholz als nicht zielführend an. Eine Recyclingstrecke der Scholz Gruppe. staaten Schredder- und Post-Schredderanlagen, die hohen Umweltstandards genügen. Alle Investitionen wurden getätigt, um den Anforderungen der EU-Altfahrzeugrichtlinie aus dem Jahr 2000 und den erhöhten Anforderungen aus 2015 zu genügen. Damit erfüllt Deutschland die Verpflichtungen aller Wirtschaftsbeteiligten bei der Einhaltung der Quoten. „Unsere Investments sind in Gefahr, wenn Politik und Behörden weiterhin die Augen verschließen, statt den illegalen Betrieb von Anlagen und die illegalen Exporte von Altfahrzeugen konsequent zu verfolgen“, sagt Oppat zu dem weiterhin hohen Anteil an unbekanntem Verbleib von 1,18 Millionen Altfahrzeugen in Deutschland für das Jahr 2013. Er unterstreicht dabei die Verantwortung der Verwerter, sich den neuen Herausforderungen stellen zu müssen. Dies gelinge aber nur in einem engen Austausch mit Herstellern und Lieferanten gleichzeitig. „Wir wollen keinen Protektionismus der Rohstoffe proklamieren, fordern andererseits aber klare Verhältnisse für die Behandlung von Altfahrzeugen.“ Neben ei- Verwerter müssen sich neuen Herausforderungen stellen Die Unternehmensgruppe betreibt in Deutschland und einigen EU-Mitgliedsnem besseren Vollzug sei dringend die Anpassung der Richtlinie an neue Marktbedingungen notwendig. Die gemeinsame Produktverantwortung der Hersteller, Demontierer und Verwerter müsse eindeutiger definiert werden, mehr Kommunikation, mehr Information und eine Kostenbeteiligung an Forschungsvorhaben sei notwendig. „Das Konzept der Recyclingquoten muss zudem auf neue Füße gestellt werden. Quoten, die ausschließlich auf Massenmetalle abzielen, sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Gissinger. „Wenn wir auch kritische Rohstoffe und mehr Kunststoffe aus dem Auto zurückgewinnen wollen, muss das Quotensystem komplett überarbeitet werden. Wir brauchen neben quantitativen auch qualitative Recyclingziele. Zudem sind Anreize für höhere Rücklaufquoten zu diskutieren, eine gesetzlich festgelegte kostenlose Rücknahme ist nicht mehr marktgerecht und zeitgemäß.“ Beate Kummer, Scholz Holding GmbH, London, beate.kummer@scholz-group.com Bilder: Scholz UmweltMagazin Oktober - November 2016 15

Ausgabenübersicht