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10-11 | 2017

Abfall Latente Gefahr

Abfall Latente Gefahr – Altablagerungen in Hanglage Bis zur bundeseinheitlichen Regelung der Abfallbeseitigung im Jahr 1972 war es lange Zeit üblich, kommunale und gewerbliche Abfälle auf land- oder forstwirtschaftlich ungenutzten Flächen zu entsorgen. Diese alten Sünden treten nun immer öfter zu Tage – so auch im Tälesbachtal/Schwarzwald. Um dem Abrutschen von Altablagerungen entgegenzuwirken, war eine umfangreiche Sanierung der an den Talhängen aufgeschütteten Altablagerungen erforderlich. Die Arcadis Germany GmbH aus Darmstadt übernahm dabei die Planung und Oberbauleitung der späteren Ausführung. Insgesamt entsorgten im Tälesbachtal eine Kommune und ein Unternehmen bis in die 1970er-Jahre etwa 750 000 m3 Müll, der danach bis in die 1980er-Jahre mit bis zu 360 000 m3 Erde abgedeckt wurde. In den 1990er- Jahren fingen die Böschungen der deponierten Abfälle an, sich zu bewegen und drohten, ins Rutschen zu kommen. Damit bestand zum einen die Gefahr, dass Müll freigelegt und durch Regen kontaminiertes Sickerwasser ins Grundwasser gelangen könnte. Zum anderen ging erhebliche Gefahr vom möglichen Abrutschen der aufgeschütteten Böschungen in den Tälesbach aus. Die Eigentümer der Ablagerungen strebten angesichts dieses Gefahrenpotenzials nach einer gemeinsamen Lösung für die Sicherung der Altablagerungen. Tälesbachtal, am Ostrand des Nordschwarzwalds. Analyse potenzieller Gefährdungen Die Ingenieure des Planungs- und Beratungsunternehmens Arcadis, die mit der Aufstellung des Sanierungsplans beauftragt wurden, standen vor zwei wichtigen Fragen: Erstens, ob von den Altablagerungen eine Grundwassergefährdung ausgeht, und möglicherweise ein aufwendiges Ausräumen der Altablagerung mit anschließendem Recycling der Wertstoffe sowie einer Entsorgung der Reststoffe notwendig sein wird. Und zweitens, in welchem Ausmaß Hangbewegungen stattfinden, und ob ein gefahrloses Arbeiten im Bereich der Ablagerungen möglich ist. Zur ersten Frage konnte eine bereits über zwei Jahre durchgeführte halbjährliche Beprobung der Grundwassermessstellen im Abstrom herangezogen werden. Da diese nur geringe Schadstoffkonzentrationen ergab, und die Prüfwerte nicht überschritten wurden, bestand für den Wirkungspfad Boden-Grundwasser kein Sanierungsbedarf. Für die Beurteilung der Standsicherheit der Altablagerungen wurden Inklinometer-Messungen herangezogen und eine Standsicherheitsberechnung durchgeführt. Im Ergebnis wurde die Standsicherheit der Böschungen beider Altablagerungen als kritisch eingeschätzt. Das bedeutete, ungünstige Einwirkungen, wie starke Regenfälle, Erdbeben oder Hochwasser hätten ein plötzliches Abrutschen der Böschungen zur Folge haben können. Auf Grundlage dieser fachgutachterlichen Analyse wurden durch Arcadis mit einer Machbarkeitsstudie die zur Böschungssicherung gängigen Sanierungsverfahren auf ihre Eignung überprüft, sowie eine erste Kostenschätzung der präferierten Verfahren aufgestellt. Im Ergebnis dieser Studie erwies sich als kosteneffizienteste Sanierungsvariante die Herstellung von Erdstützkörpern. Ausgehend vom Taltiefpunkt wird dabei bis zum Erreichen einer ausreichenden Standsicherheit der Böschung Erdmaterial gegen die rutschgefährdete Böschung eingebaut und insgesamt die Böschungsneigung 32 UmweltMagazin Oktober - November 2017

Abfall Bilder: Arcadis Böschungskaskade für zukünftigen Hochwasserschutz. Bau des Entlastungsbauwerkes zur Umleitung des Tälesbachs. abgeflacht. Die Kosten dieser Sanierungsmaßnahme wurden mit 8,8 Mio. € veranschlagt. Die Sanierung begann im Jahr 2016 und soll bis zum Jahr 2021 fertiggestellt werden. Erdmassen bergen Sparpotenzial Das Tälesbachtal war bereits im 19. Jahrhundert Schauplatz für die Bewegung großer Erdmassen. Damals wurde der mit 64 m europaweit höchste Bahndamm quer durch das Tälesbachtal gebaut. Und über hundert Jahre später werden an gleicher Stelle wieder riesige Erdmassen bewegt. Bis zu 500 000 m3 Erde sind notwendig, damit über Auffüllungen die Standsicherheit der Böschungen gegeben ist. Die Ingenieure von Arcadis sahen in den Erdmassen eine entscheidende Möglichkeit der Kostenoptimierung. Bauprojekte in der Umgebung offerierten die Chance, deren Erdaushub für die Sanierung zu verwenden. Eine Prüfung, ob dieser Aushub definierte technische Sicherheitsmaßnahmen erfüllen würde und sich durch dessen Abnahme entsprechende Erlöse erzielen ließen, fiel positiv aus. Auch die zuständige Genehmigungsbehörde gab für die Nutzung dieser Bodenmassen grünes Licht. Eine Machbarkeitsstudie zeigte, dass ausreichender Erdaushub umliegender Baustellen zur Verfügung stehen würde. Mit dieser Win-Win-Situation können die Eigentümer die Sanierung zu einem großen Teil über die Erlöse refinanzieren und die überschüssigen Erdmassen anderer Bauprojekte umweltschonend verwendet werden. Vorbereitende Maßnahmen im Tal Vor der eigentlichen Sanierung war es erforderlich, den durch das Tal fließenden Tälesbach umzuleiten. Dafür wurde ein Entlastungsbauwerk, bestehend aus Überlaufbauwerk, Umfluter, Kaskade und Tosbecken gebaut. Der Umfluter hat insbesondere während der Sanierungsmaßnahmen der Altablagerungen die Funktion, das alte Bachbett trocken zu legen. Nach Abschluss der Sanierung und Rekultivierung wird er den Abfluss bei Hochwasser gewährleisten. Wurde im Vorfeld noch an der Notwendigkeit des Umfluters gezweifelt, zeigte sich noch während dessen Baus, wie berechtigt diese Hochwasserschutzmaßnahme ist. Nach mehreren Starkregen führte der Bach die 20-fache Wassermenge. Nur ein Notablauf, der provisorisch als Umfluter fungierte, verhinderte schlimmere Schäden. Mit der Kaskade erhält das Tal ein imposantes Bauwerk, über das das Wasser des Tälesbachs mit einem Gefälle von 50 Prozent ins Tal stürzen kann. Eine weitere Schutzmaßnahme, die die Arbeitssicherheit während der Sanierung gewährleistet, ist die Installation eines vollautomatischen Überwachungs- und Frühwarnsystems im rutschgefährdeten Hangbereich. Im Fall der Überschreitung von Warnwerten geht per SMS eine entsprechende Information an das Sicherheitspersonal vor Ort, das Evakuierungsmaßnahmen einleiten kann. Zusätzlich sorgen Inklinometer-Messstellen, mit denen Instabilitäten der Altablagerungen über die Veränderungen der Böschungsneigung erkennbar wären, für die Sicherheit des eingesetzten Personals. Regelmäßige Nachsorge Altablagerungen in Hanglage sind am Ende ihrer Verfüllung meist nur oberflächlich durch Erdmassen abgedeckt worden. Somit wurde anfangs der Zutritt von Niederschlagswasser vermindert. Vielfach sind die Ablagerungen inzwischen bewachsen, kaum mehr als solche zu erkennen und werden nicht mehr wahrgenommen. Durch Bautätigkeiten, zum Beispiel Wegebau mit Grabenentwässerungen, aber auch durch witterungsbedingte Einflüsse oberhalb der Ablagerungen oder in deren Fußbereichen kann Wasser in übersteile Ablagerungsbereiche eindringen und Rutschungen auslösen. Eine Erfassung von Altablagerungen in Hangbereichen und regelmäßige Begehungen als nachsorgende Maßnahmen erscheinen daher unumgänglich. Dr. Michael Reinhard, Arcadis Germany GmbH, Darmstadt, michael.reinhard@arcadis.com UmweltMagazin Oktober - November 2017 33

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