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10-11 | 2017

Management

Management Nachhaltigkeit messbar machen Wie unterscheiden sich Product Carbon Footprints von Corporate Carbon Footprints? Wie erstelle ich CO 2 -Bilanzen für eine Dienst leistung? Wie komme ich an geeignete Datensätze? Der „Life Cycle Workshop 2017“, der am 21. September 2017 in Hamburg stattfand, richtete sich an ein Fachpublikum, das unterschiedliche Konzepte und Methoden der ökologischen Bewertung und Optimierung entlang aller Lebenszyklusphasen diskutierte. Das „Ressourcen-Budget für das Jahr 2017 ist aufgebraucht: Bis zum 2. August hat die Menschheit so viel verbraucht, wie die Erde im ganzen Jahr erneuern kann. [...] Eine Halbierung des CO 2 -Ausstoßes würde das Datum um 89 Tage verschieben.“ Diese Meldung veröffentlichte das Umweltbundesamt am 2. August 2017. Knapper und teurer werdende Ressourcen und die Auswirkungen des Klimawandels sind maßgebliche Motivationstreiber, um Umweltbewertungen in die Unternehmens-Strategieentwicklung aufzunehmen. Wer sich dann mit dem Thema Ökobilanzierung intensiv beschäftigt, kommt schnell zu der Frage: Woher bekomme ich geeignete Daten entlang der Wertschöpfungskette meines Produktes, um eine aussagekräftige Stoffstrombilanz beziehungsweise ISO-konforme Ökobilanz erstellen zu können? Sobald das Ziel der eigenen Studie klar definiert- und die Bilanzgrenzen festgelegt wurden, beginnt die Recherche nach geeigneten Daten für die Life- Cycle-Analysen. Primär- oder Sekundärdaten? Vordergrund- oder Hintergrundmodell? Generische Daten, Unitoder Result-Datensätze? Kurz und knackig wurde auf der ifu-Veranstaltung vermittelt, worauf geachtet werden muss und wie man sich helfen kann, wenn keine passenden Datensätze verfügbar sind. Wichtig ist, geltende Standards einzuhalten und diese nicht miteinander zu vermischen. Die passende Norm für die richtige Anwendung Für das Erstellen von Carbon Footprints sind drei Richtlinien maßgeblich: Im Green House Gas Protocol (GHG) werden Standards definiert, die für das Erstellen von Corporate Carbon Footprints (CCF) und Product Carbon Footprints (PCF) gelten. Hierfür sollten Primärdaten eingesetzt werden, Sekundärdaten können aber auch genutzt werden. PAS 2050 bietet einen einfachen und vergleichenden Standard, um die CO 2 -Bilanzen verschiedener Produkte miteinander vergleichen zu können. Grundsätzlich soll auch hier auf Primärdaten zurückgegriffen werden; reichen die eigenen Daten nicht aus, sollen Datensätze der Zulieferer hinzugezogen werden, die mehr als 10 % der Upstream-GHG-Emissionen emittieren. Wenn Sekundärdaten genutzt werden müssen, sollten sie gemäß der PAS-Richtlinien generiert werden. Der ISO-Standard 14064 regelt das einheitliche Vorgehen beim Erstellen von CCF und ISO 14067 für PCF. Beide Richtlinien fordern, dass repräsentative standortspezifische Primärdaten gesammelt und verwendet werden. Auf Sekundärdaten sollte nur dann zugegriffen werden, wenn Primärdaten nicht- oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand generiert werden können oder die analysierten Prozesse einen geringen Einfluss auf das Gesamtergebnis haben. Während des Life Cycle Workshops wurden Ansätze und Methoden intensiv diskutiert. CO 2 -Analysen für Dienstleistungen Auch Girokonten haben einen Lebenszyklus, dessen CO 2 -Fußabdruck berechnet werden kann. An diesem anschaulichen Beispiel zeigte Dr. Aleksandra Drewko, wie Dienstleistungsanbieter die Lebenszyklusphasen definieren und analysieren können. In der Phase der Rohstoffgewinnung werden die Primärdaten für das Kontoauszugs-Papier und die Kunststoffe für Bankkarten bewertet. Der Energieverbrauch für den Betrieb von Servern, Geldautomaten und Filialen kann vergleichsweise einfach ermittelt werden. Klassischerweise findet der Einkauf – in diesem Fall der Vertragsabschluss – online oder in einer Bankfiliale statt. In der Nutzungsphase wird unterschieden zwischen Online- und Mobile-Banking, Barzahlungen bei Einkäufen in Handelshäusern und bei Online-Einkäufen, Filialbesuchen sowie Geldabhebungen am Geldautomaten. Die Entsorgungsphase beinhaltet den Prozess der Kontoauflösung inklusive der Vernichtung 42 UmweltMagazin Oktober - November 2017

Management wertung von Orangenschalen als Bestandteil von Futtermitteln für die Rinderhaltung durch. Als weltweit zweit-bevölkerungsreichstes Land der Welt belegte Indien mit 63,5 Mio. t produzierter Kuhmilch den weltweit dritten Platz unter den Milchproduzenten. Die Rinder leben zum Großwerden. Die LCA wird noch über einen längeren Zeitraum fortgeführt. Erste Ergebnisse zeigen jedoch bereits, dass die Substitution von Futtermittelanteilen durch Orangenschalen-Pellets einen nennenswerten Beitrag zur nachhaltigen Milchproduktion leisten kann. Dr. Aleksandra Drewko zeigte, wie man CO 2 -Analysen für Dienstleistungen erstellt. und Entsorgung von Unterlagen und Kunststoffkarten. Die Imagewirkung, die ein Dienstleistungsunternehmen durch das Kommunizieren des Carbon Footprints erreichen kann, ist enorm. Kunden fühlen sich in die Lage versetzt, durch den Einkauf dieser Dienstleistung einen sinnvollen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz zu leisten. Das wiederum erhöht die Kundenbindung. Alexander Knaus analysierte die Substitution von Futtermittelanteilen durch Orangenschalen-Pellets. Rinderfuttermittel aus Orangenschalenabfällen Eine Life-Cycle-Assessment (LCA)- Analyse, die interkontinentale Transportwege entlang des so genannten Citrus Belt umfasst, stellte Alexander Knaus von Remondis Aqua (India) Ltd. vor. Der Citrus Belt befindet sich zwischen dem nördlichen und südlichen 40°-Breitenkreis. Hier wachsen die gesunden Zitrusfrüchte, die viele von uns morgens in fester oder flüssiger Form genießen. Seit Jahrhunderten werden die Schalen der Früchte als Abfall entsorgt; inzwischen werden sie jedoch beispielsweise als Düngemittel eingesetzt und zu hochwertigen Textilstoffen verarbeitet. Ob die neuen Nutzungsarten auch ökologisch-nachhaltig sinnhaft sind, kann über ökologische Bewertungen ermittelt werden. Das hat Alexander Knaus getan. Er führte auf Grundlage einer Fallstudie ein LCA über die Weiterver- teil freilaufend auf der Straße; für die Milchproduktion wird jedoch aus unterschiedlichen Quellen zugefüttert. Klassische Futtermittel sind beispielsweise Soja, Mais oder Weizen – also Grundnahrungsmittel, die für die Ernährung der kontinuierlich wachsenden Bevölkerung dringend benötigt Bilder: ifu Hamburg Aktuelle und zukünftige Softwareangebote Ein Großteil der vorgestellten Life- Cycle-Analysen wurde mit dem Softwaretool Umberto erstellt, das von der ifu Hamburg GmbH entwickelt wurde und seit über 20 Jahren weltweit für das Erstellen von CO 2 - und Ökobilanzen eingesetzt wird. Experten des Unternehmens zeigten den Workshop-Teilnehmern, welche neuen Features die aktuelle Software-Version bietet und verrieten Tipps und Tricks, wie das Thema Nachhaltigkeit in der Unternehmenskultur verankert werden kann. Jan Hedemann, ifu-Geschäftsführer, fasst die Veranstaltung zusammen: „Mit der Digitalisierung, die mit Industrie 4.0 in den Unternehmen unaufhaltsam voranschreitet, erhalten wir auch für Life Cycle Assessments eine immer bessere Datengrundlage. Damit erreichen wir, dass Lebenszyklusinformationen produkt- und auftragsspezifisch vorliegen und für die Produkt- und Prozessoptimierung eingesetzt werden können. Mit unserem Partner iPoint entwickeln wir in den kommenden Jahren eine Cloud-Lösung, über die ganz unterschiedliche Anwendergruppen in Unternehmen auf die Lebenszyklusinformationen und Tools zugreifen können, die sie für ihre konkrete Fragestellung benötigen. Ich freue mich darüber, dass auch Erkenntnisse aus diesem Workshop in die zukünftige Produktentwicklung einfließen werden.“ Hedda Precht, Fachjournalistin, Hamburg, hedda.precht@pr-echt.de UmweltMagazin Oktober - November 2017 43

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