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12 | 2012

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SPECIAL

SPECIAL Luftreinhaltung/Emissionen Bäume und grüne Wände fürStraßenschluchten Bei stark befahrenen Straßenschluchten können begrünte Wände für die Verbesserung der Luftbeschaffenheit oft effektiver sein als Baumreihen. Eine Computersimulation zeigt: Noch stärkere Begrünung entlang innerstädtischer Straßen kann die Luftverschmutzung reduzieren. Gerade in viel befahrenen Straßenschluchten kommt, neben Bäumen, begrünten Wänden eine besondere Bedeutung zu. von „Ökodiensten“: Sie vermindert etwa das schnelle Abfließen vonRegenwasser und filtert Schadstoffe aus der Luft. Seit langem ist bekannt, dass Pflanzen die häufigstenLuftschadstoffe in unseren Städteneinfangen, zumBeispiel Stickstoffdioxid und Feinstaub. Thomas Pugh und Rob MacKenzie Die Sorgeumdie Qualität derLuftist in vielen unserer Städte groß. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jedes Jahr eine Million Menschen vorzeitig an den Folgen belasteter Außenluft sterben. Zur Verbesserung der Luftqualität hat man sich lange darauf konzentriert, den Ausstoß von Schadstoffen zuvermindern und Schadstoffquellen fern von Bevölkerungszentren anzusiedeln. Diese Strategien sind vernünftig und solltenfortgeführtwerden. Sie lassen sichaber nicht ohne Weiteres anwenden, um mit jenen Schadstoffen fertig zu werden, die durch Verbrennungsmotoren imStraßenverkehr entstehen. Messungen in ganz Europa zeigen, dass die Luftschadstoffkonzentrationen an Straßen trotz der Richtlinien zu Fahrzeugemissionennicht weiterzurückgehen. Versuche, die Luftqualität zu verbessern, sollten deshalb auch andere Möglichkeiteneinschließen –eine davonist die grüne Infrastruktur. Oftstellt man sichStädte als rein von Menschenhand geschaffene Gebilde aus Beton, Stein und Glas vor. Tatsächlich hat eine typische Stadt aber sehr viele Pflanzen. InStädten wie London kann es sogarmehrBäume geben als in ihrem Umland. Die Begrünung von Städten bietet nicht nur ästhetische Vorteile,sondernleistet aucheine Reihe Zirkulation am Grund der Straßenschluchten Kann also durch Begrünung die Luftbeschaffenheit in unseren Städten verbessert werden? Grundsätzlich schon. Das Verringernder Luftverschmutzung ist ein häufig genannter Grund für die Anpflanzung von Bäumen inStädten. Leiderist eine wirksame Verminderung vonSchadstoffen nicht einfach zu erreichen, indemman überall dortbegrünt, wo sichein freies StückGroßstadtfläche anbietet. Art und Standort der Bepflanzung haben einen großen Einfluss darauf, wie wirksam sich damit die Luftqualität verbessern lässt.Vor allem muss auch die Form der Stadt selbst berücksichtigtwerden. OftbestehenStädte aus 22 UmweltMagazin Dezember 2012

verhältnismäßig engen Straßen mit durchgehenden Gebäudezügen auf beiden Seiten. Auf viel befahrenen Stadtstraßen tritt die stärkste Schadstoffbelastung am Grund dieser Straßenschluchten auf. Die Luft zirkuliert dort unter Umständen mehrere Minuten, bevor sie sich allmählich mit der Luft über den Dächernvermischt. DieseVerzögerungführtdazu, dass sichdie Luftschadstoffeinder Schlucht ansammeln und sich die Luftqualität dort häufig viel stärker verschlechtert als auf Straßenohne Gebäude. Die schadstoffsammelnde Wirkung von Straßenschluchten ist unter Fachleuten ein bekanntes Problem, dass man sich allerdings auch zunutze machen kann. Wird in einer Straßenschlucht ein schadstoffabsorbierendes Material platziert, kann es die Luftbeschaffenheit auf diesem verhältnismäßig engenRaum eher verbessern,als es dasselbe Material in einem offenen Raum täte. Pflanzenbewuchs ist ein solches schadstoffabsorbierendes Material. Stickstoffdioxid wird von den Blättern aufgenommen, von der Pflanze verstoffwechselt und beseitigt. Bei Feinstaubpartikeln wirken Pflanzen wie Filter ineinem Staubsauger, die Teilchen sammeln sich ander Blattoberfläche. Grundsätzlichkönnen sichBlätter auch mit Feinstaubteilchen zusetzen, doch Regen wäscht die Partikel vonden Blättern ab und reinigt damit denFilter. Computermodell simuliert Effekte von Bewuchs Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben mit einem Computermodell die Auswirkungen einer Bepflanzung auf die Luftqualität in Straßenschluchten simuliert. Dem zufolge kann bei vollständiger Bedeckung beider Wände einer Straßenschlucht mit Grünpflanzen die Feinstaubkonzentration unter bestimmten Bedingungen um bis zu60Prozent gesenkt werden.Minderungen von5bis30Prozent sind allerdings wahrscheinlicher. Wie stark die Schadstoffbelastung zurückging, hing von der Anordnung der Gebäude in einer Straßenschlucht, der Die Luftbewegungen in einer Straßenschlucht können zu einer Ansammlung der Schadstoffe führen. Bewuchsdichte und der Windgeschwindigkeit ab. Die Wissenschaftler wissen derzeit allerdings weder über die Vermischung derLuftströme in und um Straßenschluchten, noch über den zu erwartendenFilterwirkungsgrad verschiedener Pflanzenarten genug, um für einen bestimmten Standort genaue Vorhersagentreffen zu können. Weitere Forschungsarbeiten, darunter auch direkte Messungen in realenStraßen, sind notwendig, bevor belastbare Voraussagen möglich sind. Allerdings zeigen die Ergebnisse des KIT schon jetzt, dass die Nutzung vonPflanzen zur Verbesserung der Großstadtluft großes ungenutztesPotenzial hat. Grüne Wände bei hohem Verkehrsaufkommen Prinzipiell lässt sich feststellen, dass in Straßenschluchten ohne FahrzeugverkehrjedeArt derBepflanzung –sei es mit grünen Wänden oder mit Bäumen an der Straße –die lokale Luftqualität verbessert. Zwar können die Forscher noch keine festen Zahlenwerte angeben, jedoch einige allgemeine Richtlinien herausstellen. Durch das Pflanzen von Bäumen vor allem in ruhigen Straßenschluchten können belaubte Großstadtlichtungen mit besserer Atemluft geschaffen werden. Dagegen kommt es bei starkbefahrenen Straßenschluchten nicht nur darauf an, Pflan- Bilder (2): Dr. Thomas Pugh, KIT zen anzusiedeln, sondern es muss auch dafür gesorgtwerden, dass durch die Bepflanzung nicht das Abziehen derbelastetenLuftbehindertwird. Hiersind begrünte Wände für die Luftbeschaffenheit unter Umständen besser als Straßenbäume, weil sie die Luft innerhalb derSchlucht weniger einschließen. Eine hundertprozentige Begrünung der Wände von Stadtstraßen, in denen es auf beiden Seiten Büros und Läden gibt, ist praxisfern. Zudem unterscheiden sich Pflanzen in ihrer Fähigkeit, Schadstoffe auszufiltern, und Laubpflanzen können dies bekanntlich nur einenTeildes Jahres.Außerdem müssen diefraglichenPflanzen auchimschwierigen städtischen Umfeld überleben und richtig funktionieren können. Sie müssen mit hohen Schadstoffwerten, städtischen Wärmeinseln und einer möglichen Überschattung fertig werden. Aber das sind keineswegs unüberwindliche Hindernisse. Bei sorgfältiger Überlegungkann die Begrünung ein zusätzliches Instrument liefern, um der Luftverschmutzung in unseren Städten effektiv entgegenzuwirken. Thomas Pugh und Rob MacKenzie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe, thomas.pugh@imk.fzk.de UmweltMagazin Dezember 2012 23

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