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12 | 2012

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Technik &Management

Technik &Management Abfall/Recycling Barrierendes Handyrecyclings Bild: Marvin Siefke/Pixelio Weltweit wurden 2010 über eine Milliarde neuer Mobiltelefone produziert; ein Ende dieses Booms ist noch nicht erreicht. Zudem hat sich die Nutzungsphase je Gerät verkürzt: Im Schnitt wird jedes Handy nur noch 18 Monate benutzt und dann durch ein neues Modell ersetzt. Der damit anfallende Elektroschrott birgt etliche, teils seltene Rohstoffe. Das Problem: Die Mobiltelefone gelangen nur unzureichend in den Recyclingprozess. Das Wuppertal Institut zeigt die Barrieren der geordneten Rückgabe auf, analysiert ausgewählte Rückgabe-Kampagnen und identifiziert Erfolgsfaktoren. Jola Welfens, Oliver Stengel, Julia Nordmann und Alexandra Seibt Schätzungen zufolge kommen in Deutschland jährlich5000 Tonnen Elektronikschrott zusammen, von denen zur Zeit ein Großteil nicht in den Rohstoffkreislauf zurück findet [1], [2]. Nach Schätzung des Branchenverbands BITKOM [3] lagern in deutschen Haushalten rund 83 Millionen ungenutzte Althandys. Durch Handy-Recycling werden zwei Problemeauf einmal angegangen: 7 die Folgen des Rohstoffabbaus und der sich verknappender Ressourcen sowie 7 die Probleme, die beim improvisierten Recycling in Entwicklungs- und Schwellenländernauftreten. Barrieren der Handyrückgabe und ihre Überwindung Es können mehrereFaktoren identifiziert werden, die das Recycling von Althandyshemmenkönnen. Solche Rücklauf-Barrieren sindein mangelndesProblem- und Verantwortungsbewusstsein,fehlende soziale Erwartungen und Recyclingroutinen sowie zu hohe Transaktionskosten des Recyclings. Dabei müssen nicht alle hemmenden Faktorenaus dem Weggeräumt werden;das Verantwortungsbewusstsein braucht etwa nicht erhöht zu werden, wenndie Kosten fürdie Rückgabesinken oder für die Nicht-Rückgabe steigen. Wichtig aber iststets die Schärfung desProblembewusstseins, da sie Interventionenzur Steigerung der Recyclingquote legitimiert. Andersals bei Glas, Papierund Plastik wird die Notwendigkeit auch Elektroschrott, darunter Handys, zu recyceln erst seit wenigen Jahren thematisiert. Zwar findensichinden Medienvereinzelt Berichte über Urban Mining, fraglich ist aber, obdas kollektive Problembewusstsein dadurch bereits hinreichend sensibilisiert ist. Das war vor der Einführung des Glas-, Papier- und Plastikrecyclingsanders:Inden 1970ernwaren wilde Müllkippen zahlreich und eine konkrete Gefahr für das Grundund Oberflächenwasser sowie Ursache für Gestank und Ungezieferbelastungen. Das Problembewusstsein und der Druck der Öffentlichkeit gegen Deponien und Müllverbrennungsanlagen, die damals nochgiftige Abgase emittierten, wargroß. Damals setzte sichkollektiv die Erkenntnis durch, dass die beste Lösungdes Müllproblems die Verringerung des Müllvolumens ist [4]. Sobald Recyclingtonneninden 1980ernaufgestellt wurden, wurden sie darum mehrheitlichgenutzt. Da sichdie mit derHandyproduktion und -Entsorgung verbundenen Probleme aber auf anderen Kontinenten abspielen, werden sie hierzulande nicht unmittelbar wahrgenommen und sind damit nur abstrakt. Fehlende Infrastruktur Zudem besteht inden meisten Kommunen keine Infrastruktur, die das Recycling der Elektrogeräte einfach macht. Oft muss man zu entlegenen Wertstoffhöfenfahren oder zu einerder wenigen Sammelstellen inausgewählten Handyshops. Erst in den kommenden Jahren wirdsichdiesdurch das novellierte Abfallgesetz ändern; Elektroschrott soll dann vielerorts bequem zu entsorgen sein. Das erleichtert zwar die Rückgabe, ohne Informations-Kampagne zur Notwendigkeit ihres Recyclings landen Mobiltelefone aber nicht automatisch inden vorgesehenen Tonnen. Die gefühlten Kosten fürdie Rück- Zukunftsprojekt Erde Der Beitrag basiert auf Erkenntnissen des Forschungsvorhabens „Rückgabe und Nutzung gebrauchter Handys“, das im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2012 „Zukunftsprojekt Erde“ vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH inZusammenarbeit mit dem Institute for Advanced Sustainability Studies umgesetzt wird. Das Forschungsvorhaben stammt aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. www.zukunftsprojekt-erde.de www.die-rohstoff-expedition.de 34 UmweltMagazin Dezember 2012

gabe eines Handys sind folglich hoch und sie werden beimSmartphone noch steigen. Es gibt neben einer bequemen Rückgabestruktur noch weitere zu berücksichtigende Faktoren wie etwa soziale Normen. Inder Regel orientieren Verbraucher ihre Handlungen anvorherrschenden Normen, Konventionen und Erwartungen [5]. Beim Recyceln von Glas, Papier und Plastik hat sich eine Konvention herausgebildet, nach der diese Stoffe gesammelt und dem Kreislaufprozesszugeführtwerden. In Bezug auf Elektroschrott und Handys fehlt sie bislang. Rückgabe-Kampagnen Die Rückgabe für Handy-Altgeräte zu erhöhenhaben sichverschiedeneKampagnen zum Ziel gesetzt. Tatsächlich konnte eine größereMenge vonHandys gewonnenwerden, die ohne die Kampagnen nicht abgegeben worden wären. Gleichwohl warensie auf einenEinmaleffekt ausgerichtet. Spenden- und Gewinnaktionen oder die einmalige Zusendung vonfrankierten Rückumschlägen, in die man sein Althandy stecken und an den Absender schicken konnte, generieren keine neue Strukturen, Konventionen oder neue Verhaltensroutinen. Slogans, wie „Handys sind Gold wert“, die Althandys mit monetären Wert aufgeladen haben, erhöhten eher den Nutzen für die Nichtrückgabe. In Bezugauf den sozialenAspekt wäreeine vertiefende Informationskampagne zu den sozialen Folgen entlang der Wertschöpfungskette desMobiltelefons eine passende Ergänzung. Zudem isteine offene Kommunikation, was mit den Handys nach der Rückgabe geschieht Literatur [1] Hagelüken, C.(2009): „Urban Mining“ ist wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Dow Jones Trade News Emissions, Nr.5 [2] Reller, A.etal. (2009): The Mobile Phone. GAIA, Nr.2. [3] BITKOM (2011): 83Millionen Alt- Handys, Pressemitteilung (www.BITKOM.org) [4] Frenz, W.;Bönning, C. (1998): Fälle und Lösungen zum Kreislaufwirtschafts- und Abfallrecht. Wiesbaden [5] Warde, A. (2005): Consumption and Theories of Practice. Journal of Consumer Culture, Nr. 2 Abgabe bei einer kommunalen Sammelstelle Spende für einen guten 7% Zweck 8% Rückgabe beim Händler oder Mobilfunkanbieter 13 % k.A. 17 % Der Umgang mit Althandys: Wie Verbraucher ihre alten Mobilfunkgeräte entsorgen. sowie eine Zielgruppen angepasste Kommunikation notwendig, die auch neue Recyclingstrukturen (Sammelstelle an der Schule, Klassenprojekte) kreiert. Anders eine Ö3-Kampagne: Der landesweit beliebte öffentliche Radiosendermit dergrößten Reichweite in Österreich, versendet seit 2005 jedes Jahr in der Adventszeit eine „Wundertüte“, in die manseinAlthandy steckenund kostenlos zurücksenden kann. Der entscheidende Erfolgsfaktor der Rückgabekampagne aber istdie Adressierung der sozialen Norm, die in den übrigen Kampagnen vernachlässigt wurde. Ö3 hat es geschafft, seine Popularität mit der Kampagne und geringen Transaktionskostenzuverbindenund die Aktion in ganz Österreich bekannt zu machen, wodurch eine soziale Erwartungshaltung erzeugtwurde, die zurHandyrückgabe auffordert. Ausblick Bisherige Kampagnenkonnten vorallemdurch ihreKurzfristigkeiteine stetig hohe Recyclingquotevon Handys nicht erreichen. Der Beitrag zeigt, dass vorallem soziale Normen bei der Rückgabe von Althandys eine große Rolle spielen könnenund diese sichnur durch Regelmäßigkeit aktivieren lassen. Handlungsmotivation entsteht meistens durch vorgelebte Handlungen und dadurch erzeugtensozialer Druck. Weitere wichtige Erfolgsfaktoren sind zudem die Generierung eines hohen Problembewusstseinsdurch ausreichende Informationen über die sozialen und ökologischenAuswirkungen einesnicht geregelten Handyrücklaufs sowie klare Handlungsanweisungen und simple Rücknahmeverfahren. Derzeit soll im Hausmüll 2% Verschenken 23 % Aufheben 30 % Grafik: Bitkom/Aris Rahmen der Kampagne „Die Rohstoff- Expedition“ mithilfe von vielfältigen Materialien(Exponaten, Lernmodulen, Apps und anderen) genau diesen Erkenntnissen Folge geleistetwerden. Neben dem Handy-Rücklauf sollte auch der nachhaltige Konsum von Mobiltelefonen fokussiert werden. Denn Recycling ist nur die zweitbeste Lösung des Ressourcenproblems. Verkürzt sich die Nutzungsphase weiter, erhöht sich derabsolute Ressourcenverbrauchtrotz höherer Rückgabequoten. Ferner läuft der Recyclingprozess nicht umweltneutral ab,daereinenhohen Material-und Energie-Input hat. Zudem lassen sich nicht alle Stoffe einesHandysrecyceln. Problematisch ist auch der Weiterkauf gebrauchter Handys anEntwicklungs- und Schwellenländer. Zwar verlängert sich sodie Nutzungsphase, jedoch werden diese danach, wegen fehlender Umweltstandards und umweltschonender Recyclingtechniken, nicht fachgemäß entsorgt, sodass die Entsorgungsproblemebleiben.Die nochfunktionsfähigen Althandys dagegen nicht in Entwicklungs- und Schwelländer zu verkaufen, erhöht wiederum den Ressourcenverbrauch, der bei der Produktion neuer anfällt. Recycling ist also nicht hinreichend, aber gleichwohl notwendig. Jola Welfens, Oliver Stengel, Julia Nordmann, Alexandra Seibt, alle Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH, Wupptertal, jola.welfens@wupperinst.org, oliver.stengel@wupperinst.org, julia.nordmann@wupperinst.org, alexandra.seibt@wupperinst.org UmweltMagazin Dezember 2012 35

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