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12 | 2017

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Management Partizipativ

Management Partizipativ planen – nachhaltig bauen Im pakistanischen Lahore, Hauptstadt der Provinz Punjab, entsteht das „Energy Resource Center“ als Showcase für nachhaltiges Bauen in dem Schwellenland. Das Gebäudekonzept hat das international agierende Planungs- und Beratungsunternehmen Carpus+Partner in einem methodischen Prozess gemeinschaftlich mit den Akteuren vor Ort entwickelt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH unterstützt die Bundesregierung bei der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung und der internationalen Bildungsarbeit. Entsprechend ihrer Definition der Nachhaltigkeit mit den vier Dimensionen ökologisches Gleichgewicht, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Verantwortung und politische Teilhabe legt die GIZ als Bundesunternehmen besonderen Wert auf die Partizipation der Beteiligten vor Ort. So auch bei diesem Pilotprojekt, das die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umsetzt. Neben dem Einsatz lokaler erneuerbarer Energiequellen und der Verwendung regionaler Baumaterialien für das Gebäude soll auch ein Wissenstransfer die pakistanischen Akteure langfristig zu nachhaltigem Bauen befähigen. Das „Energy Resource Center“ in Pakistan als Showcase für nachhaltiges Bauen. „MethodCreActing“ als Schlüssel zur Einbindung aller Beteiligten Im Auftrag des BMZ setzte die GIZ gemeinsam mit Carpus+Partner und dem Energieministerium der Provinz Punjab vor Projektstart ein spezielles Project Framework auf: Aus Ingenieuren, Architekten und Beratern aus Deutschland sowie GIZ-Mitarbeitern, Regierungsund Provinzvertretern, lokalen Planern und späteren Nutzern bildete sich eine 40-köpfige Projektgruppe. Sie erarbeitete über einen Zeitraum von acht Monaten gemeinschaftlich das ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltige Gebäudekonzept mit einer besonderen Methodik, dem „MethodCreActing“. Weg von Hierarchiedenken stehen Selbststeuerung, Entwicklung und voneinander Lernen im Fokus dieser Arbeitsweise. Zentrales Modul im Rahmen des Project Frameworks für das Energy Resource Center waren „CoLabs“ in Lahore: In den von Moderatoren methodisch gelenkten Intensivworkshops über jeweils einen Tag definierte es unter Anwendung geeigneter Methoden die strategischen Leitplanken und ermittelte die konkreten Bedarfe – etwa für die energetische Ausgestaltung des Gebäudes. Partizipative Entwicklung des nachhaltigen Gebäudekonzepts In den CoLabs wurden zunächst Ziele, Bedarfe und Funktionen definiert, die das Energy Resource Center erfüllen soll. Im weiteren Verlauf wurden lokale Materialien genauso in Betracht gezogen wie architektonische und kulturelle Besonderheiten. Auch die räumliche Ausgestaltung der einzelnen Etagen wurde partizipativ erarbeitet. So verbindet das äußere Erscheinungsbild energetische Innovation und pakistanische Bautradition auf kongeniale Weise. Eine vertikale Green Wall und parkähnliche Bepflanzung stellen einen eindeutigen Bezug zum Thema Ökologie her – genauso wie die in den Boden eingelassenen Öffnungen, die den Blick freigeben auf die im Untergeschoss befindliche Zisterne, die als Regenwasserreservoir dient. Gesammelt wird das Wasser während der ergiebigen Regenzeit auf dem pneumatischen Dach und wird von dort nach unten geleitet. Mit zentralen Toilettenanlagen wird viel weniger Material als in herkömmlichen Bü- 42 UmweltMagazin Dezember 2017

Management rokomplexen verbaut; die Ver- und Entsorgungstechnik wird auf ein nötiges Minimum reduziert. Auch Energie- und Wasserbedarf werden auf diese Weise optimiert. Im Sinne nachhaltigen Handelns wird eine Büroumgebung geschaffen, die über Jahrzehnte hin effizient genutzt und auch an Drittparteien vermietet werden kann. Thermische Gebäudesimulation für integriertes Energiekonzept Statisch wird der monolithische Bau von einem Stahlbetonskelett getragen, das mit Lehmziegeln ausgefacht ist. Die Verwendung dieses lokalen Baumaterials war aber zunächst keine Selbstverständlichkeit: Denn die Aussagen in den CoLabs über seinen Beitrag als Wärmespeicher und Luftfeuchtigkeitsregulierer zum natürlichen Raumklima bezogen sich eher auf subjektive Wahrnehmung und limitierte Erfahrung beim Bau von Wohnhäusern. Daher wurde das Projektteam mit umfangreichen energetischen Berechnungen mittels einer „Thermal Analysis Software“, die flankierend in Deutschland geführt wurden, unterstützt. Zu Beginn fielen die Berechnungen für eine reine Lehmfassade, bestehend aus 11,5 cm starkem Lehmstein und einer 3 cm starken Lehmputzschicht, ungünstig aus. Bei einer zusätzlichen 8 cm dicken Dämmschicht der Wärmeleitgruppe 040 auf der Außenseite kann jedoch ein günstiger Wert hinsichtlich Wärmedämmung, Feuchtigkeits- und Hitzeschutz erreicht werden. Alternativ kann ein solcher Wert für die Außenwand ohne zusätzliche Dämmung erreicht werden, wenn die Dicke des Mauerwerks aus Lehmbausteinen verdreifacht und ein leichter Lehmbaustein, zum Beispiel mit Strohzusätzen, verwendet wird. Im Rahmen der thermischen Gebäudesimulation galt es zudem, ein transparentes System zu entwickeln, das sich an den Kriterien weltweiter Labels wie Leed, Breeam oder DGNB orientiert, aber gleichzeitig Freiraum für die speziellen Gegebenheiten in Pakistan lässt. Eine direkte Übertragung der Rahmenbedingungen der Labels erwies sich Eine vertikale Green Wall und parkähnliche Bepflanzung sorgen für mehr Ökologie im Bau. nämlich als unzureichend, da die energetischen Eigenschaften lokaler Baumaterialien – wie beim Lehm gesehen – häufig noch unbeschrieben sind, die klimatischen Verhältnisse gänzlich anders sind und auch die Energieversorgung eine andere Qualität aufweist als in den Industrieländern. Außer der Fassade wurden auch die Verglasung, Ventilation und Deckenkühlung bewertet und hinsichtlich Raumluft- und Strahlungstemperatur, Luftfeuchtigkeitsverteilung und Belüftung optimiert. Um den entsprechenden Gesamtenergiebedarf des Gebäudes so weit wie möglich zu decken, wurde in mehreren Schritten ein integriertes Energieversorgungskonzept entwickelt. Neben der Photovoltaik-Anlage an den Außenwänden sieht das vom Projektteam verabschiedete Energiekonzept Luftqualitätssensoren, Präsenzmelder für die Beleuchtung, adiabate Kühlung über die Raumlufttechnik, einen Kühlturm sowie ein Blockheizkraftwerk mit Kraftwärmekopplung und Absorptionskältemaschine vor. Die Integration all dieser Maßnahmen führt zu einem um 63 % niedrigeren Primärenergiebedarf im Vergleich zu einer herkömmlichen Versorgung – die Energiekosten können sogar um 89 % gesenkt werden. Perspektiven für nachhaltiges Bauen in Schwellenländern Künftige energieeffiziente Bauprojekte in Pakistan können nun auf den Ergebnissen der Konzeptstudie aufbauen, Erfahrungen nutzen und weitere Erkenntnisse ergänzen. Nach der Mittelfreigabe durch das Energieministerium von Punjab soll das Energy Resource Center bis Ende 2018 errichtet werden. Für die notwendigen Detailplanungen wird weiterhin auf ein partizipatives Vorgehen gesetzt. Die GIZ hat das angewandte MethodCreActing samt Case Study zum Pilotprojekt bereits in einer ausführlichen Trainingsguideline veröffentlicht und lokalen Planern zur Verfügung gestellt. Weitere Projekte – Schulen, Büros und Regierungsbauten – werden in anderen Ländern bereits mit derselben Methodik erarbeitet. Jens Tegethoff, Carpus+Partner AG, Aachen, jens.tegethoff@carpus.de Bilder: Carpus+Partner UmweltMagazin Dezember 2017 43

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