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6 | 2013

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SPECIAL Erneuerbare

SPECIAL Erneuerbare Energien Ob Flugreise, Paketversand oder Drucken: Wer will, kann heute fast jede Dienstleistung CO 2 -neutral stellen. Ein Trend, dem jetzt auch viele lokale Energieversorger folgen, sei es mit dem Angebot von CO 2 -neutralem Erdgas oder klimaneutralem Trinkwasser. Zwei Beispiele aus dem Umfeld des Stadtwerke-Netzwerks ASEW zeigen: Durch klimaneutrale Produkte können Stadtwerke bei Kunden punkten und sich positiv von ihren Wettbewerbern absetzen. Bild: Bernd Kasper/Pixelio Klimaschutz zumAnfassen Oliver Blaha Erdgas als Produkt ist zunächst einmal wenig greifbar:Irgendwo unter unseren Füßen fließtesdurch dicke Leitungsrohre und sorgt unauffällig dafür, dass Herd und Heizung funktionieren. Woherdiese Energie stammt und wersie liefert,das warden Verbrauchernbisher meistegal, Hauptsache die Wohnung ist behaglichwarm. Anders sieht dasinder hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden aus. Seit Ende 2012 bietet dort der kommunale Energieversorger ESWE ausschließlich CO 2 -neutrales Erdgas an –und hat damit einganz neuesBewusstsein für das bis dato von den Kunden kaum beachtete Produkt geschaffen. „Mit einergroßenKampagne wurde das Angebot bei unseren Kunden bekannt gemacht, und so haben wiresgeschafft, das Produkt Erdgas emotional aufzuladen“,sagt Wei-Hsin Chang, der bei der ESWE die Einführung des CO 2 -neutralen Erdgases verantwortete –und sich über ein durchweg positives Echo auf Seiten der Kunden freut. Denn die wissen das nachhaltige Engagement „ihres“ lokalen Energieversorgers sehr zu schätzen. Mit CO 2 -neutralen Produkten vom Wettbewerb differenzieren Das ist ein Vorteil, den sich immer mehr VersorgerinDeutschlandsichern wollen. So bieten etwa heute bereits rund 10 Prozent der über 270Mitgliedsunternehmen des Stadtwerke-Netzwerks ASEW (Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie und Wasserverwendung im VKU) klimaneutrale Erdgasprodukte an –und machen damit den fossilen Energieträger auch für umweltbewusste Kunden attraktiv. „Mit dem Angebot klimaneutraler Produkte gelingt es Energieversorgern, sich positiv vom immer stärker werdenden Wettbewerb abzusetzen,bestehende Kunden zu bindenund neue hinzuzugewinnen. Dennfür immer mehr Kundenzählt neben dem Preis auch die Umweltbilanz eines Produkts“, sagt Torsten Brose der Produktverantwortliche bei der ASEW. Unddiese kann sichetwabei derESWE in Wiesbaden durchaus sehen lassen: Seitdem das Unternehmen sämtliche Haushalts- und Gewerbekunden mit dem CO 2 -neutralen Gas beliefert spart es 300000 Tonnen CO 2 pro Jahr ein. Das entspricht inetwa dem jährlichen Ausstoß aller angemeldeten Autos in Wiesbaden. CO 2 -Ausgleich durch Investitionen in Klimaschutzprojekte Möglich macht diese positiveCO 2 -Bilanz die Investition in Klimaschutzprojekte, durch die das Unternehmen sämtliche Emissionen nachträglich kompensiert, die die Wiesbadener ESWE-Kunden mit ihrem Erdgasverbrauch verursachen. Immerhin fallen bis zu5Tonnen CO 2 pro Jahr in einem durchschnittlichen Einfamilienhaus an, die die ESWE mit der Co-Finanzierung einesProjekts zurGewinnung von Strom aus Grubengas in Deutschland, eines Windparks inder Türkei sowie eines Projektsfür effiziente Kochherdein Mali komplett ausgleicht. „Die Investition in Projekte außerhalb Deutschlands ist dabei durchaus gewollt und 26 UmweltMagazin Juni 2013

sinnvoll, denn der Klimawandel macht vor den eigenen Landesgrenzen nicht halt“, so Wei-Hsin Chang. „Zudem hat die Finanzierung von Projekten inEntwicklungs- und Schwellenländern den zusätzlichen und sehr erfreulichen Effekt, dass wir dorteinenBeitrag für eine positive und nachhaltige Entwicklung leistenkönnen.“ Ökoenergie- und Effizienzdienstleisterfür Stadtwerke International anerkannte Standards für mehr Glaubwürdigkeit Getreu dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“, lässt sichdieser doppelte Nutzen von klimaneutralen Produkten hervorragend für die Kommunikation nach außen nutzen, da sich die positiven Effekte für Klima und nachhaltige Entwicklung lebhaft bebildern lassen. „Für die Kommunikationsspezialisten der Versorger ergeben sich damit ganz neue Möglichkeiten, über das Erdgasprodukt des Unternehmens zu sprechen und dieses positiv aufzuwerten“, sagt Brose. „Allerdings sollten die Energieversorger bei der Auswahl ihrer Klimaschutzprojekte unbedingt darauf achten,dass diese nacheinemder anerkannten Standards verifiziert sind, die die Einhaltung international festgelegter Kriterien für CO 2 -Neutralität belegen.“ Für ein Plus anGlaubwürdigkeit sorgenetwader VoluntaryCarbon Standard(VCS) oderder GoldStandard(GS), die bestätigen, dass durch das angebotene CO 2 -neutrale Produkt nur solche Klimaschutzprojekte unterstützt werden, die ohne diese Finanzspritzenicht durchgeführt werden könnten und damit zu einer zusätzlichen CO 2 -Reduzierung führen.Darüber hinaus stellendie Standards sicher, dass jedes Klimaschutzzertifikat, das ein Energieversorger zur Kompensation von CO 2 -Emissionen erwirbt, tatsächlich nur einmal verwendet und nicht etwa an mehrere Unternehmenverkauftwerdenkann. CO 2 -Neutralität ohne Zertifikate dank eigener Kraftwerke Dass sich das Prinzip der Klimaneutralität auch auf andere Produkte übertragen lässt –und dass CO 2 auch ganz ohne den Kauf von Klimaschutzzertifikaten funktionieren kann – zeigt ein Beispiel aus dem bayerischenAugsburg. Dort haben die Stadtwerke neben CO 2 -freiem Erdgas auch ein klimaneutrales Trinkwasserprodukt im Programm. Wasauf den ersten Blick etwas weit hergeholtwirkt, macht beimnäheren Hinschauen durchaus Sinn. Denn: Auch zur Trinkwassergewinnung wird Energie benötigt –und diese stellen die Stadtwerke Augsburgzu100 Prozent aus einem eigenen Wasserkraftwerk CO 2 -neutralbereit. Gutein Zehntelder etwa 45 000 Augsburger Wasserkunden hat sichbereits für das „Ökowasser“entschieden, Tendenz weiter steigend. „In Die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung imVKU (ASEW) ist das größte deutsche Stadtwerke-Netzwerk für die Themen Energieeffizienz und Erneuerbare Energien. Die ASEW wurde 1989 mit dem Ziel gegründet, eine rationelle, sparsame und umweltschonende Energie- und Ressourcenverwendung zufördern. Die ASEW berät und unterstützt ihre Mitglieder indiesen Bereichen und entwickelt für sie innovative Produkte und Dienstleistungen, die zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen. Das Portfolio der ASEW umfasst Produkte für den Vertrieb, die Kundenberatung, Seminare, Informationstage und Qualifizierungsangebote sowie eine Kunden- und Fördermittelberatung. Im Bereich Ökoenergien bietet die ASEW den Mitgliedsunternehmen vier Ökostrommodelle sowie ein Biogasbeimischprodukt zur Auswahl an. Seit Ende 2012 können Stadtwerke auch den Produktrahmen für ein klimaneutrales Erdgasprodukt bei der ASEW beziehen. Bei allen Ökoenergieprodukten übernimmt die ASEW sowohl die Beschaffung von Zertifikaten als auch die Zertifizierung durch unabhängige Institute und stellt ein Paket zur Vermarktung zu Verfügung. Personalressourcen werden dadurch imStadtwerk geschont. Augsburg ist der Anteil umweltbewusster Kunden im Vergleich zum Bundesdurchschnitt sehr hoch“,sagt Thomas Hornung, Leiter Privat- und Gewerbekunden bei den Stadtwerken Augsburg. DieAkzeptanz für das CO 2 -neutrale Produkt ist groß und spiegelt sich auch in den Besuchszahlen der exklusiv für Ökotrinkwasser-Kunden angebotenen Veranstaltungen wider: Rund 10 Prozent von ihnen nutzen das Angebot regelmäßig –und können sich soauch mal eines der Wasserwerke der Stadtwerkeaus der Nähe zeigenlassen. CO 2 -Vermeidung geht vor Kompensation Das Beispiel Augsburg zeigt auch: Noch besser als CO 2 -Emissionen nachträglich zukompensieren ist es, diese erst gar nicht entstehen zulassen. „Wir empfehlen daher jedem lokalen Energieversorger, nicht ausschließlich in Klimaschutzprojekte zur Kompensation vonTreibhausgasenzuinvestieren, sondernden KundenauchProdukte anzubieten, durch die Emissionen von vornehereinvermiedenoderzumindest vermindert werden“, soTorsten Brose. „Daher gehören unbedingt auch Dienstleistungen rund um das Thema Energieeffizienz in das Portfolio eines jeden Versorgers –zum Beispiel Stromspar-Analysen oder Energieeffizienztipps für die Internetseiten oder eine persönlicheBeratungsowohl für Privatals auchGeschäftskunden.“ Eine Strategie, die auch die ESWE in Wiesbaden verfolgt, wo unter anderem ein Online-Energieberatungsportal sowie eine Reihe von Energiespar-Broschüren beimStromsparen helfen.Dazu verleiht das Unternehmen Strommessgeräte und berät persönlich beim Kauf von Haushaltsgeräten und der Klimatechnik fürs Haus –und kann damit nicht nur beimKlima, sondernauchbei denKunden punkten. Oliver Blaha, Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung im VKU (ASEW), Köln, blaha@asew.de UmweltMagazin Juni 2013 27

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