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7/8 | 2014

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TECHNIK UND MANAGEMENT

TECHNIK UND MANAGEMENT Wasser/Abwasser Mit der Flächenversiegelung in Deutschland ist es wie mit der Neuverschuldung öffentlicher Haushalte oder dem CO 2 -Ausstoß –Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander –halb soviel wäre besser. Dabei fehlt es nicht anLösungen. Neben Terrassen und Gehwegen können auch Flächen unter Verkehrsbelastung heute schon völlig ohne Versiegelungswirkung, das heißt wasserdurchlässig befestigt, hergestellt werden. Entwässerungsanschlüsse oder Schadstofffilter entfallen, wenn geeignete Pflastersysteme mit entsprechenden bauaufsichtlichen Zulassungen zum Einsatz kommen. Anwendungsbeispiel Cityston-gd protect: Parkplatz und Zufahrt eines Hotels in Attendorn/Sauerland Bild: www.ecosave-protect Flächenversiegelung und Regenwasserableitung:halb soviel ist auch genug Klaus W. König Das Ziel der Bundesregierung ist, die ständige Zunahme von Siedlungsund Verkehrsflächen zu bremsen. Die Tendenz istbereits rückläufig, dennoch sind es laut StatistischemBundesamtim letzten Berechnungszeitraum 2009 bis 2012 in Deutschland durchschnittlich 74 ha proTag gewesen. Im Jahr 2020 sollen esnach dem Willen der Regierung nur noch30hapro Tag, also weniger als die Hälfte des aktuellen Wertes, sein. Doch der Flächenverbrauch ist nur das eine Problem, das andere ist die Versiegelung. Etwa 50Prozent der Siedlungsund Verkehrsflächen gelten als versiegelt, also Wasser undurchlässig. Dazu zählen Dächer, Terrassen, Einfahrten und Fahrzeugstellflächen, sowie Wohnund Anliegerstraßen, Gewerbe- undLagerflächen, Fußgängerzonen und öffentliche Plätze. Weshalb wird überhaupt versiegelt und Regenwasser abgeleitet? Wenn deutlich mehr Flächen zuebener Erde Wasser durchlässig wären, könnten neue Kanäle kleiner und damit viel preiswertergebaut werden.Vorhandene Mischwasserkanäle würden weniger durch ungenügend geklärte Überläufe die als Vorfluter dienenden Flüsse verschmutzen. Solche Auswirkungen haben ein ökologisches und zugleich volkswirtschaftlich-soziales Potenzial. DieFrage wäre aber,obdie Versickerung bei allen befestigten Oberflächen tatsächlich auch funktioniert, wenn Starkregen fällt? Was wäre zum Beispiel bei einem Jahrhundertereignis, das durch die Klimaveränderung demnächst vielleicht bald schon alle zehn Jahre eintritt? Neues Prinzip: Source-Control statt End-of-Pipe OberstePrioritäthatte in denvergangenen Jahrzehnten die Entwässerungssicherheit. Als Flüsse zum vermeintlichen Hochwasserschutz noch begradigt wurden, galt auchdie Vorschrift,Regenwasser inden Kanal abzuleiten. Damit war eserst einmal weg von der Oberfläche. Ein solches Prinzip, bei demweiter unten an der Mündung des Rohrsystems die Probleme zulösen sind, heißt im Fachjargon „End-of-Pipe“-Lösung. DieFolgen sindbekannt:Stark schwankende Wasserspiegel bei Fließgewässern, kurzzeitige Überlastung der Kläranlagen mit Ableitenvon unzureichend gereinigtem Abwasser indie Flüsse und sinkende Grundwasserbestände im Erdreichunterhalb vielerBallungsräume. DieBetrachtungsweise hat sichvor einigen Jahren gewandelt –und mit dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG 2009), gültig seit 1. März 2010,auchdie Gesetzeslage. Heute gilt das „Source-Control“-Prinzip:Bei Neu- undUmbaumaßnahmen muss das Niederschlagswasser dezentral vor Ort bewirtschaftet –also versickert,verdunstetodergenutzt werden –siehe §55(2). Nach §57(1) sind dieRegelnder Technik einzuhalten, um denSchutz der Gewässereinschließlich Grundwasser zugewährleisten. Richtlinien und Normen helfen zusätzlich, Gefahren fürPersonenund Wasserschäden anBauwerken zuvermeiden. Zum 32 UmweltMagazin Juli -August2014

Bild: König Niederschlagswasserbehandlung mit Ecosave protect Pflastersystemen: Die Schadstoffe aus dem Niederschlagsabfluss werden in der Pflasterdecke festgehalten und gelangen nicht ins Grundwasser. Grafik: Godelmann/Klostermann Regenwasser schnell von der Oberfläche abzuleiten, war das Motto in den zurück liegenden Jahrzehnten. Beispiel muss seit Novellierung der DIN 1986–100 imMai 2008 gemäß Abschnitt 14.9.3 ein Überflutungsnachweis bei Planungen für Grundstücksgrößen von mehr als 800 m²abflusswirksamer Fläche erbracht werden. Das Arbeitsblatt DWA-A 138 (3.2.2) gibt seit April 2005 Hinweise zum Abstand zwischen Versickerungsmulden und Gebäuden. Dezentral, an vielen Orten gleichzeitig, kann heute bereits Niederschlagswasser der jeweiligen Situation angemessener bewirtschaftet und behandeltwerden, als das in zentralenRegenrückhalte- oder -überlaufbecken geschehenist. Regel zu vollständig Wasser durchlässig befestigten Flächen Ende 2013 erschien nach 15Jahren die aktualisierteFassung desFGSVMVV R2 [1] –das Merkblatt für Versickerungsfähige Verkehrsflächen, herausgegeben vonder Forschungsgesellschaft fürStraßen- und Verkehrswesen. Darinwerden, in Form einer Empfehlung, Bauweisen ausDränbetonund Asphalt ebenso thematisiert wie Pflasterflächen. Der zuvor für die Berechnung der maximalen Wasserdurchlässigkeit rechnerisch erlaubte Abflussbeiwert von 0,5 bei Pflasterflächenwurde nun auf 0,3 bis0,5 erweitert. Das bedeutet, dass bei entsprechenden Materialien und Bauweisen von bis zu 70 Prozent Versickerungsleistung einer befestigten Fläche ausgegangen werden kann, statt bisher von maximal 50 Prozent. Dennoch, selbst wenn 70 Prozent des Bemessungsregens (270 l/s xha) versickern,bleiben noch30ProzentAbfluss,für die die Planer eine zusätzliche Entwässerung vorsehenmüssen. Im einfachstenFall kann das direkt in eine Wiese, das heißt in eine in Gefällerichtung unmittelbar anschließende Flächenversickerung, geschehen. Wo nicht genügend Grünfläche dafür vorhanden ist, wird ein Stauraum in Form eineroberflächig geformtenMulde oder einer unterirdisch geschaffenen Rigole angeordnet. Dieser Stauraum ergänzt oder ersetzt die begrünte Flächenversickerung. Doch zusätzlich zum Aufwand für Planung und Ausführung kommt auch die Pflege beziehungsweise Wartung der Versickerungsanlage hinzu–selbstwennder Entwässerungsanteil im zuvor genannten Beispiel nur 30 Prozent beträgt. Konsequent weiter gedacht wünscht man sich eine Flächenbefestigung, die 100 Prozent Versickerung leistet–ohne zusätzlicherforderliche Entwässerung. Das reduziert den Herstellungs- und Unterhaltungsaufwand in beträchtlichemMaß. Sicherheit ohne zusätzliche Oberflächenentwässerung Im neuen Merkblatt MVV findet sich eine Öffnungsklausel in Abschnitt 2.4. Ein geringerer Abflussbeiwert als 0,3bei einergepflastertenFläche gilt demnach als regelkonform, wenn ein entsprechendesGutachten füreine solche Bauweise vorliegt. Es gibt schon seit geraumer Zeit Pflastersysteme, die unter genau definiertenBedingungen dauerhaft und nachweisbar mehr alsden geforder- Anwendungsbeispiel Drainston protect: Parkplatz eines Einkaufsmarktes inBurglengenfeld/Oberpfalz ten Bemessungsregen von 270 l/s xha durch Fugen undBettung abführen und damit einenAbflussbeiwert von0,0 haben. Diese Systeme haben mit entsprechenden Pilotprojekten den Stand der Technik erweitert und dafür gesorgt, dass dietechnische Regelangepasstwerdenkonnte. Gefordert wird konkret, dass „entsprechende Erfahrungen (etwa wissenschaftliche Untersuchungen oder unabhängige, gutachterliche Stellungnahmen) vorliegen“, wenn geringere Abflussbeiwerte als 0,3 inAnsatz gebracht werden. Die durchlässig ausgebildeten Schichtendes Oberbaus bringen in diesem Fall dauerhaft die gesamte hydrau- Bild: www.ecosave-protect UmweltMagazin Juli -August2014 33

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