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9 | 2013

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TECHNIK UND MANAGEMENT

TECHNIK UND MANAGEMENT Abfall/Recycling Unbrauchbar gewordene Pflanzenschutzmittel und andere Agrarchemikalien können für Landwirte zum Abfallproblem werden. Abhilfe schafft das Entsorgungssystem PRE, das die deutsche Pflanzenschutz-Industrie ins Leben gerufen hat. Rücknahme alter Pflanzenschutzmittel Neues System entsorgt alte Pflanzenschutzmittel Martin May Die Herstellerfirmen der deutschen Agrarchemie sind sich bewusst, dass PflanzenschutzmittelsensibleGüter sindund die Verantwortung für ihre Produkte nicht in dem Augenblick endet, da die Ware das Werksgeländeverlässt. Von der Wiege bis zur Bahre –so verstehen die im Industrieverband Agrar (IVA) zusammengeschlossenen Produzenten ihre Produktverantwortung. Die Entsorgung leerer Pflanzenschutz-Kanister ist in Deutschland schon seit vielen Jahren gelöst. Industrie und Agrarhandelhaben gemeinsam das Rücknahmesystem Pamira (Packmittel-Rücknahme Agrar) etabliert. Zu bestimmten Terminen imJahr können Landwirte ihre geleerten Kanister an Sammelpunkten beim Handel zurückgeben.Das System istfür die Landwirte kostenlos. Das Wiesbadener Entsorgungsunternehmen RIGK GmbH betreibt Pamira imAuftrag der Pflanzenschutz-Industrie und stellt sicher, dass die Kanisternachden Vorgaben derVerpackungsverordnung recycelt werden. Restbestände alter Pflanzenschutzmittel im Fadenkreuz Die großen, multi-nationalen Unternehmender Branche kümmern sichparallel dazu auch schon seit langem um die Entsorgung vonRestbeständenalter, unbrauchbar gewordener Pflanzenschutzmittel (Obsolete Stocks). Die Industrie weiß, dass sich über die zurückliegendenJahrzehnte in vielenLändern Bestände angehäuft haben, die nicht mehr genutzt werden konnten oder durften, die aber, wenn sie falsch gelagert oder unsachgemäß entsorgt werden, eine Bedrohung für Mensch und Umwelt darstellenkönnten. Schätzungen beziffern die „Obsolete Stocks“auf biszu300 000 Tonnen, und zwar vorwiegend in Osteuropa, derehemaligen Sowjetunion, Afrika, Lateinamerika und Asien. Die Gründe für ihr Entstehen sindvielfältig: fehlende oder schlechte Infrastruktur bei derDistribution, von staatlichen Stellen georderte Überbestände oder planwirtschaftliche Überproduktion, der keintatsächlicher Bedarf in der Landwirtschaft gegenüberstand. Hinzu kommen Produkte, die aufgrund internationaler Abkommen nicht mehr vertrieben oder von den nationalen Behörden nicht mehr zugelassen werden. Einzelaktion mit Großmengen in Afrika Beispielsweise wurden in Uganda schon vor Jahren 40 Tonnen eines Baumwoll-Herbizids entsorgt, das von der ugandischen Regierung in den 1980er Jahren gekauft, aber nie eingesetzt wurde. ImSenegal hat ein Herstellerein unbrauchbares Insektizid in eine deutlichgeringere Konzentration re-formuliert, sodass die Wirkstoffe wiedernutzbar waren. Hinweise auf Bedarf in Deutschland Die „Obsolete Stocks“ sind allerdings kein reines Dritte-Welt-Problem. Erfahrungen aus dem Packmittel-Rücknahmesystem Pamira gaben der Industrie immer wieder Hinweise, dass auch inDeutschland Bedarf besteht. Dennbei Pamiragibteseine Regel ohne Ausnahme: Der Kanister muss restentleert sein. „In der Praxis müssen wir immer wieder Landwirte zurückweisen, die halbvolle Kanister 42 UmweltMagazin September 2013

oder überlagerte Gebinde abgeben wollen. Dafür ist Pamira nicht vorgesehen“, erklärt Markus Dambeck, Geschäftsführer derRIGK GmbH. Erstmals bot die deutsche Pflanzenschutz-Industrie in Zusammenarbeit mit derRIGK GmbH im Frühjahr2006 eine Sonderaktion zur Sammlung unbrauchbar gewordener Pflanzenschutzmittel an. Damit sollten vor allem Altbestände aus DDR-Zeiten, die nochbei einzelnenBetrieben im Lager standen, endgültig entsorgt werden. Der Erfolg der Aktion überraschte selbst die Initiatoren. Von Februar bis April 2006 wurdeninsgesamt 511Tonnen Agrarchemikalien zurückgenommenund fachgerecht entsorgt. So funktioniert PRE EU-Regelungen sorgen für Input Auch wenn die Sammlung damals als „einmalige Sonderaktion“ ausgelobt war, weiß die Industrie inzwischen, dass weiter Entsorgungsbedarf besteht und stetig neue Mengen dazukommen. Ein Grund dafür sind auch die strengen Zulassungsregeln in Europa. Ein aktuelles Beispiel: Im Frühjahr widerrief die EU-Kommission die Zulassung von drei Insektizid-Wirkstoffen. Nach einer Übergangsfrist dürfen Produkte mit diesen Wirkstoffen von Landwirten und Gartenbau- Betrieben nicht mehr eingesetzt werden. Was gestern noch ein wirksames Pflanzenschutzmittelwar,kann durch einen Federstrich des Gesetzgebers morgen schon ein unbrauchbarer Lagerbestand sein. Vom 4.November bis 11. Dezember 2013 werden an 42 Standorten ininsgesamt fünf Sammelregionen im Bundesgebiet unbrauchbar gewordene Pflanzenschutzmittel zurückgenommen. Gleiches gilt für sonstige Chemikalien aus der Landwirtschaft, zum Beispiel Reinigungsmittel, Öle und Dünger. Die maximale Abgabemenge pro Anlieferer aneiner PRE-Sammelstelle beträgt eine Tonne. Wer mehr als eine Tonne zurückgeben will, muss die Abholung und Entsorgung mit der RIGK GmbH individuell vereinbaren. Über die unten genannte Servicenummer kann sich auch melden, wer Entsorgungsbedarf hat, aber keine PRE-Sammelstelle in der Nähe vorfindet. Für die Rücknahme wird eine Gebühr von 2,65 Euro pro Kilogramm oder Liter zuzüglich Mehrwertsteuer erhoben. Alle Anlieferer erhalten als abfallrechtlichen Nachweis einen Original-Übernahmeschein. Die Chemikalien werden durch das PRE-System nach der Sammlung indafür genehmigten Sonderabfall-Verbrennungs- oder Behandlungsanlagen entsorgt. Unter www.pre-service.de sind alle Details zum PRE-System, alle Sammelstellen und Termine sowie die Annahmebedingungen zu finden. Unter der kostenlosen Servicetelefonnummer 0800 3086001 stehen Experten der RIGK GmbH für Fragen rund um PRE zur Verfügung. Ein Übernahmeschein dokumentiert für den Anlieferer, dass er seine alten Pflanzenschutzmittel abfallrechtlich einwandfrei entsorgt hat. Bilder (2): RIGK GmbH Über 40 Rücknahmestellen Der Industrieverband Agrar hat Ende 2012 über die Mitglieder der beiden Großhandelsverbände BVA (Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft) und DRV (Deutscher Raiffeisenverband)eine Umfrage beim Handel und bei den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland gestartet. Ziel war es, zum einen eine aktuelle Bedarfsabschätzung zu erhalten, zum anderen lokale und regionale Hotspots zu ermitteln. Auf Grundlage der Rückmeldungen wurden insgesamt fünf Sammelregionen mit zunächst 41 Standorten festgelegt. Im Unterschied zurSammelaktionimJahr 2006 ist das Angebot zur Rücknahme nun dauerhaftvorgesehen. Das neue System heißt PRE, was für Pflanzenschutzmittel-Rücknahme und –Entsorgung steht. Neben alten Pflanzenschutzmitteln können Landwirte übrigens auchandere unbrauchbar gewordeneChemikalien, wie Dünger oder Öle, über PRE entsorgen lassen (siehe Kasten). Seitdem die Webseite www.pre-service.de, auf der alle Sammeltermine und -orte abrufbar sind, freigeschaltet ist, wurde die Zahl der Sammelstellenauf 42 erhöht. Martin May, Industrieverband Agrar e. V. (IVA), Frankfurt am Main, may.iva@vci.de UmweltMagazin September 2013 43

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