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9 | 2014

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SERVICE Umweltmärkte

SERVICE Umweltmärkte Bild: Dieter Schütz/Pixelio Unabhängige Wasserversorgung in Singapur Der Inselstaat Singapur macht sich unabhängig von Wasservorräten des Nachbarlands Malaysia. Bis spätestens zum Jahr 2061 müssen interne Quellen diese Zulieferungen ersetzen. Dazu gehören unter anderem Recycling von Wasser, Entsalzung und eine höhere Effizienz. Die Regierung will auch den Energieaufwand bei der Wasserbehandlung reduzieren. Zur Erreichung der ambitionierten Ziele setzt sie auf eine breite Allianz aus staatlichen Stellen, Universitäten und der privaten Wirtschaft. Der fast völlig von Rohstoffimporten abhängige Inselstaat Singapur will in einem wichtigen Punkt autark werden: bei der Wasserversorgung. Das Ziel ist ambitioniert. Denn bislang werdenrund 40 Prozentdes Bedarfs imNachbarland Malaysia gedeckt. Um sich hiervon und den damit einhergehenden Preiserhöhungen zulösen, legte die Regierung einen ehrgeizigen Fahrplan vor. Bis zum Jahr 2061, wenn das zweite Lieferabkommen mit Malaysia ausläuft, will Singapur vollständiger Eigenversorger werden. Hinzu kommt, dass sich der Wasserbedarf von 2010 bis 2060 auf 760 Millionen Gallonen pro Tag verdoppeln kann. Der zusätzliche Verbrauch kommt vor allem von der Industrie. Trotz dieser Herkulesaufgaben dürfte das Ziel wahrscheinlich früher erreicht werden, schätzen Landeskenner. Public Utilities Board koordiniert Programme Zentraler Antriebsmotor bei dem Mammutprogramm ist – Germany Trade&Invest Germany Trade &Invest (GTAI) ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Die Gesellschaft vermarktet den Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland im Ausland und informiert deutsche Unternehmen über Auslandsmärkte. wie sooft in Singapur –die Regierung. An vorderster Stelle agiert hierbeidie staatlicheWasserversorgungsagentur Public UtilitiesBoard (PUB), diefür das Sammeln, Aufbereiten, Verteilen und Wiedergewinnen von Wasserzuständig ist.Darüber hinaus nimmt die Regierung weitere wichtige Verbündete mit ins Boot. Im Rahmendes 2006 aufgebauten Environment &Industry Programme Office (EWI) arbeiten unter anderem die PUB, die Wirtschaftsförderstelle Economic Development Board, die beiden Universitäten und die Agency for Science, Technology & Research (A*STAR) zusammen. Ausländische Technologieunternehmen werden teilweise gezielt über attraktive Anreize ins Land geholt. Hinzu kommen lokale Unternehmen, die indem staatlich geförderten Umfeld groß geworden sind. Von Vorteil für alleMitspielerist es,dass die Zielsetzung der Regierung nicht nur ambitioniert ist,sondernentlang klar abgesteckter Eckpfeiler nachhaltig verfolgt wird. Bis zum Jahr 2060 müssen somit die eigenen Wasserquellen massiv ausgebaut werden. Die wichtigsteZapfstelle wird Recycling-Wasser werden. Hierbei 64 UmweltMagazin September 2014

wirdaufbereitetes Brauchwasser mit fortgeschrittener Membrantechnik und ultravioletter Desinfektion zu hochgradig reinem Wasser verarbeitet. Es wird als „NEWater“ vermarktet, hat Trinkwasserqualität, wird aber überwiegend zuIndustriezwecken genutzt. Die Branchen mit dem größten „Durst“ sind Chemie und Petrochemie, Elektronikindustrie, Kraftwerke und Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Projekte, Reservoirs und Pipelines Die vier Aufbereitungsanlagen für NEWater können bisher 30 Prozent von Singapurs Wasserbedarf decken. Bis zum Jahr 2060 sollen es 55 Prozent werden, verlautete von der PUB. Auch Anbieter von Wassertechnik bescheinigten dieser Form der Beschaffung in den kommenden Jahren eine „sprudelnde“ Entwicklung. Für den Bau eines weiteren NEWater- Projekts in Changi läuft die Ausschreibung. Die Fertigstellung des Vorhabens, das auf PPP-Basis (Public, Private, Partnership) erfolgt, wird imJahr 2016 anvisiert. Da Singapur reich mit Niederschlägen gesegnet ist, ist das Auffangen von Regen- und Brauchwasser bereits weit verbreitet, wird aber noch weiter ausgebaut. Ein umfassendes Netzwerk anKanälen, Flüssen und EckdatenzuSingapurs Wassersektor 2012 7 Bevölkerung: 5,3 Millionen Menschen 7 Zugang zu sauberem Wasser und Abwassersystem: 100 Prozent der Bevölkerung 7 Durchschnittlicher Wasserverbrauch: 153 (Liter/Kopf und Tag) 7 Durchschnittlicher Wasser- und Abwassertarif (je cbm): 1,4 Euro 7 Wasserverluste im Verteilungsnetz: unter 5Prozent 7 Investitionen in Wasserver- und -entsorgung (2010): 454 Millionen Euro Quelle: Regierung von Singapur Sammelstellen für Niederschlagswassererlaubt es,Wasser im großen Stil zu „ernten“. Mit der Fertigstellung der Wasserreservoire Marina, Punggol und Serangoon vergrößerte sich seit 2011 die Auffangfläche von der Hälfte auf zwei Drittel dergesamten Staatsfläche. Langfristig soll sie gar auf 90 Prozent steigen. Hierzu will die PUB die noch nicht regulierten Flüsse und Bäche inKüstennähe einbeziehen und dort Wasser mit unterschiedlichem Salzgehalt behandeln. Darüber hinaus will der Versorger ab 2019 mit Hilfe einer 22Kilometer langen Pipeline Wasser vom Mumane Reservoirindie Innenstadt bringen. Mit den Bauarbeiten, die zur Hälfte möglichst umweltschonend unter der Erde vonstatten gehen sollen, soll 2016 begonnen werden. Die dritte Quelle ist die Meerwasserentsalzung. Die erste, 2005 in Betrieb gegangene Entsalzungsanlage,eine der größten Reverse-Osmose-Anlagen Asiens, produziert mit rund 136 000 cbm pro Tag nahezu 10 Prozent von Singapurs Bedarf. Eine zweite Anlage, die Tuaspring Desalination Plant, kam im September 2013 mit einem Durchlauf von 318 5000 cbm hinzu. Entsalzung und Einsparung Bis 2060 sollen rund 30 Prozent der Nachfrage durch Entsalzung gedeckt werden. Dadieser Prozess kosten- und energieintensiv ist, sind vor allem Anlagen mit einem niedrigeren Energieverbrauch gefragt. In diese Richtung unternimmt die PUB umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten. Die Energiekosten bei der Aufbereitung zu reduzieren, gehöre zu den Hauptherausforderungen, erklärte auch der Minister für Umwelt und Wasser, Dr.Vivian Balakrishnan. Als weitere innovative Quelle kommt Wassereinsparung hinzu. Durch Einsparprogramme wie den Water Efficiency Fund ermutigtdie PUBPrivathaushalteund Industrie, ihren Verbrauch um 10 Prozent beziehungsweise 10 Liter pro Tagzureduzieren. Damit soll der Pro-Kopf-Verbrauch von 152 auf 147 Liter täglich gedrosselt werden. Vorreiter hierbei werden von Regierung und Öffentlichkeit gewürdigt. Someldete der Flugzeugmaschinenbauer Pratt & Whitney'sMitte dieses Jahres,dass er in seinem Werk den Verbrauch seit 2000 um40Prozent reduziert habe. Undichte Stellen beim Abwasserprozess wurden gestopft, Regenwasser aufgefangen und NEWater für Industrieprozesse genutzt. Wassersparende Technik für Privathaushalte wie für Gewerbe und Industrie sind in Singapur „en vogue“. Dies zeigte sich bei einer Messezur Wassertechnologie und der Konferenz „Singapore International Water Week“ Anfang Juni dieses Jahres wie auchbei den jährlichen Baumessen. Entsprechende Lösungen, von wasserlosen Toilettenspülungen bis zu Regenauffang-Systemen und begrünten Gebäudeflächen, stoßen in der Gartenstadt Singapurauf zunehmendes Interesse. Potenzial für ausländische Anbieter Bei diesem Trend hilft der Staat mit Regulierungen nach. Zur Erhöhung der Wassereffizienz ist im März 2013 der Industriestandard SS577 festgelegt worden. Dieser soll auch alsISO-Standard eingeführt werden, erläuterte Dr. Andreas Hauser, Direktor der Division Water Services bei TÜV Süd gegenüber Germany Trade & Invest. Ab 2015 muss jedes Unternehmen mit einem Mindestwasserverbrauch von monatlich 5000 cbm die intern ablaufenden Prozesse gegenüber dem Staatoffen legen und dokumentieren. Ziel ist es, ein Wasser Management System zu implementieren und somit effizienter zu werden, wobei der Staat mit Rat und Tatbehilflich ist. In Neubaugebieten wird staatlicherseits angestrebt, dass die Wasserrückhaltung nach der Bebauung nahezu sogroß ist wie zuvor. Innovative Lösungen wie dezentrale Rückhaltesysteme zur Vermeidung von Springfluten sowie Renaturierung von Kanälensind hierzu gefragt.Das deutsche Landschaftsarchitekturbüro Atelier Dreiseitl hat hierzu in Parkanlagen ein Regenauffangsystem entworfen, das das Wasser in Teiche leitet und es danach Unternehmen im nahe gelegenen Technologiepark für Bewässerung und Toilettenspülung zur Verfügung stellt. Rainer Jaensch,GTAIKualaLumpur, www.gtai.de UmweltMagazin September 2014 65

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